Dieser Kongreß tanzte nicht. Er soff und sang: Im vergangenen Herbst trafen sich im Rendsburger Nordkolleg die Verehrer des 1795 an der Schwindsucht verstorbenen Hofsekretärs, Liedersängers, Schluckspechts und "zweifellos größten schwedischen Dichters" Carl Michael Bellmann. Ein auch nicht gerade kleiner Schwede, Lars Gustafsson (von ihm stammt das Urteil über Bellmanns Größe), referierte über "Weltliteratur aus dem Stockholmer 18. Jahrhundert", außerdem gab es Gelehrtes über den Dichter und die Frauen und Rußland und Britannien - soweit symposionmäßig alles normal. Darüber hinaus aber: Ständchen im Garten, musikalische Séancen, Serenaden "mit anschließendem Essen" und Bellmanns Lieder, auf schwedisch, russisch, italienisch, jiddisch und bayerisch. Höchst vitale Rezeptionsforschung mithin, fröhliche Wissenschaft: Skal kamerater, Prost Kameraden, eine ganze Doppel-CD voll (Live Records LCD-004/5, Freudenberger Weg 8, 24819 Embühren).

Bellmann war ein großer Melodiendieb. Er klaute bei Händel oder aus damals gerade modischen französischen Opern, bei Tanzstücken oder beim geistlichen Lied. Der einzige Geist, dem freilich seine Episteln huldigen, ist der Weingeist. Diese Texte über Durst, Lust und Tod unterspülen auf das schönste die frommen Töne. Am besten gelingt die akustische Zeitreise ins Stockholmer Rokoko dem schwedischen Sänger Ulf Bagge, der mit Lautenbegleitung ein Schlaflied zum Beischlaf brummt und säuselt, als hätte er die Stimme mit Elchtalg geschmiert. Peter Rühmkorf, Bellmann wahlverwandt, sprichtsingt eine Neuübersetzung von Fredmans Epistel Nr. 27, "seine berühmten letzten Gedanken beinhaltend", die Zunge vom Schnaps schon "wie Lackmuspapier". Dazu swingen seine Zech- und Spielkumpanen Michael Naura und Wolfgang Schlüter "Großer Gott, wir loben dich". Und zuallerletzt erzählt Gerhard Polt (der mal Schwedisch studiert hat und also ein durchaus ernstzunehmender fröhlicher Wissenschaftler ist) ganz bellmannsch sterbenslustige Todesanekdoten. Der Tod hat einen Stachel zum Lachen, er nimmt "mit tücke / Des lebens perücke". Darauf ein Glas, Kameraden.