Das Tagebuch des sowjetischen Komsomolzen Stepan Podlubnyj, das kürzlich in einem russischen Archiv entdeckt wurde, eröffnet uns einen ungewöhnlichen Einblick in das stalinistische System. Der Verfasser ist ein Bauernsohn aus der Ukraine, der 1931 nach Moskau kam, besessen von dem Gedanken, in der Sowjetgesellschaft aufzusteigen.

Er suchte sich zu einem "Neuen Menschen" umzugestalten, so wie es die bolschewistische Ideologie gebot.

Doch unterschied sich Stepan Podlubnyj von den Millionen jungen Leuten bäuerlicher Herkunft, die wie er der Verheißung des sowjetischen Industrialisierungsprogramms folgten und in die Städte und Industrieorte strömten. Sein Vater war ein Kulak, einer jener wohlhabenden Bauern, die vom Regime zu Klassenfeinden erklärt und in die Verbannung geschickt wurden. Damit haftete auch dem Sohn das Stigma des Klassenfeindes an, so daß er ständig mit der Ausweisung aus Moskau oder sogar mit seiner Verhaftung rechnen mußte. Podlubnyj verbarg seine Herkunft vor seiner Umgebung und hoffte zugleich, durch gewissenhaften Einsatz für den sowjetischen Staat sein Bewußtsein läutern und seine "schlechte" Herkunft überwinden zu können, als Druckerlehrling im Prawda-Verlag und als Funktionär des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol.

Doch in seiner eigenen Wahrnehmung blieb Podlubnyj unerlöst - das bolschewistische Regime versagte ihm die Aufnahme in die sozialistische Gesellschaft. Damit offenbart sein Fall einen Defekt im politischen System des Stalinismus. Die Staatsführung vermochte die bolschewistische Ideologie nicht zu einem Glaubenssystem für das gesamte Volk zu erweitern. Seiner Tendenz nach blieb der Bolschewismus bis zum Kriegsausbruch 1941 eine ausgrenzende Bürgerkriegsideologie.

Hier wird ein Erosionsprozeß sichtbar, der schon seit den dreißiger Jahren das stalinistische System von innen aushöhlte und schließlich zu seinem Einsturz beitrug.

Podlubnyjs Tagebuch macht ebenso deutlich, wie sehr ein Mensch im Stalinismus in seinem privaten Leben - unabhängig davon, wie stark er an den Kommunismus "glaubte" - Grundwerte der herrschenden Ideologie verinnerlichte. Insofern ist es also auch Ausdruck der Stärke und Stabilität des stalinistischen Herrschaftssystems.

Die Aufzeichnungen zeigen einen Grad der Verstrickung, der mit den Kategorien von "Opfer" und "Täter" nicht hinreichend erfaßt ist. Sicherlich war Podlubnyj nicht nur ein Regimegegner, genausowenig wie er nur ein Konformist war. Er war Kulakensohn und Komsomolze, Ukrainer und Sowjetmensch, Student und Regimekritiker, Spitzel und Terroropfer in einem. Darum sollte der Leser die kritischen Passagen in unseren Auszügen keineswegs als die Gedanken eines freien, vom System unberührten Menschen mißverstehen.