Hallo, Dienstmann! Auf deutschen Bahnsteigen verhallt dieser Ruf nicht mehr ungehört. Ob in Frankfurt, Hamburg oder Leipzig - kräftige Männer stehen seit Mitte Januar in sechs Großbahnhöfen bereit, um schweres Gepäck zu schultern. Die vielbeschworene Dienstleistungsgesellschaft - hier wird sie zum Reiseerlebnis, das erstaunlichen Wandel verkündet.

Dienen war in diesem Lande lange verpönt, nach dem Motto: Jeder für sich, keiner für alle! Doch die Not zwingt zum Umdenken. Wo die Massenarbeitslosigkeit ständig neue Rekorde bricht, gebietet es sich, Tabus abzutragen. Es fällt ja auch keinem ein Zacken aus der Krone, wenn er anderen hilft.

Und dann noch gegen Bezahlung, versteht sich: fünf Mark für die ersten beiden Gepäckstücke, die Hälfte für jedes weitere. Trinkgelder sind erwünscht, aber nach den Erfahrungen der Träger selten. Großzügigkeit wird inzwischen oft kleingeschrieben.

Die Initiative der Deutschen Bahn hat sich dennoch bewährt. Aus doppeltem Grund: Wer Koffertragen zum Beruf macht, ist von der Straße und braucht nicht auf das Geld vom Arbeitsamt zu warten.

Wer es sich leisten kann, sein Gepäck tragen zu lassen, schont die Gesundheit und spart Kraft für andere Aufgaben. Das ist die neue praktische Gleichung auf deutschen Großbahnhöfen. Sie sollte im übertragenen Sinne auch anderswo gelten.

Dienen und sich bedienen lassen, dieses Wechselspiel darf nicht mehr horribile dictu sein hierzulande. Aber es sollte auch nicht zu Arroganz verführen. Wer das Elend auf dem Arbeitsmarkt dazu mißbraucht, die Begriffe Herr und Knecht wieder ins Alltagsvokabular zu heben, verdient Verachtung. Er ist zudem schief gewickelt, denn herrische Attitüde stößt auf das Selbstbewußtsein freier Bundesbürger, koffertragend oder nicht.

Jetzt geht es allein darum, daß möglichst viele eine ehrbare Arbeit haben. Wie die neuen Gepäckträger der Deutschen Bahn.