Omey Island heißt eine Insel im äußersten Nordwesten Connemaras, die nur aus Weide- und Ödland besteht. Die Besitzer sind zumeist Bauern aus Claddaghduff auf dem Festland. Und was machen sie, wenn sie zu ihrem Vieh wollen? Sie schwingen sich auf ihren Traktor und lenken diesen geradewegs auf das Eiland zu, immer dicht an den Stangen mit den Richtungsschildern vorbei. Brücke und Fähre sind überflüssig: Selbst bei Hochwasser ist das Meer zwischen Insel und Festland so flach, daß man mit dem Traktor mühelos hindurchkommt.

Außerhalb der Flutzeiten kann man sogar zu Fuß über einen traumhaften Sandstrand zur Insel spazieren.

Die meisten Ortsansässigen ziehen allerdings das Auto vor. Mit der naheliegenden Frage, ob derlei Kraftverkehr durchs Wattenmeer auf die Dauer nicht von Schaden für das Ökosystem sein könnte, steht man ziemlich allein auf weiter Flur: Im Westen Irlands, wo es durchaus noch schützenswerte Umwelt gibt, ist das Bewußtsein dafür unterentwickelt. Immer noch gelten als beste Strände vielfach die, auf denen man mit dem Auto bis an den Wassersaum fahren kann; immer noch werden Autowracks einfach ins Moor gekippt.

Es paßt ins Bild, daß nun auch auf Omey Island frühchristliche Ruinen und bäuerliche Steincottages nicht mehr unter sich sind: Ein Ferienhausvermittler bietet von dieser Saison an ein Haus auf der Insel an, das eher nach einer Möchtegernhacienda als nach einem irischen Cottage aussieht.

So sehr man den Wunsch des Touristen nach Beschaulichkeit und Ruhe versteht, so sehr wünscht man, er möge sich doch lieber für einen Altbau in einem der Fischerdörfchen entscheiden als für einen der gesichts- wie geschichtslosen Bungalows an einsamen Meeresbuchten. Die Bungalows sind der Fluch fast aller irischen Küstenstreifen. Nirgendwo gibt es eine Landstraße mit Meerblick, die nicht von Jahr zu Jahr weiter zugebaut würde. Die irische Presse hat für dieses trostlose Phänomen den Begriff bungalow blitz erfunden. Der Begriff blitz wurde im Zweiten Weltkrieg geprägt, als die deutschen Luftstreitkräfte London bombardierten - mit verheerenden Folgen. Gerade die Küstenstraßen Connemaras sind mittlerweile fast überall verschandelt von Gebäuden, deren Daseinszweck allein dem Tourismus dient. Daß ein Großteil dieser Häuser im Winterhalbjahr durchgängig leersteht, macht die Sache gewiß nicht besser.

Connemara, das schlimmste Opfer des bungalow blitz, ist jener Teil Irlands, der sich nordwestlich von Galway als große Halbinsel in den Atlantik schiebt. Im Süden und Westen vom offenen Meer und im Norden von der fjordartigen Bucht des Killary Harbour umspült, im Osten von zwei großen Seen, dem Lough Corrib und dem Lough Mask, begrenzt, ist Connemara eine kleine Welt für sich. Besiedelt ist neben wenigen fruchtbaren Gebieten im Osten praktisch nur die lange Küstenlinie, in deren vielen Buchten sich eine Reihe hübscher kleiner Fischerdörfer eingenistet hat. Das weit im Westen gelegene Clifden, erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet, gilt als inoffizielle Hauptstadt Connemaras - doch mehr als 1300 Menschen leben auch hier nicht. Von September bis Juni liegt der Ort in einem für den Besucher höchst angenehmen Tiefschlaf. Nur im Hochsommer wird Clifden von Autoschlangen und Busladungen voller Touristen überschwemmt, die in die Restaurants und Andenkenläden der zwei kurzen Hauptstraßen einfallen.

Zu einer gewissen Berühmtheit kam der verschlafene Ort immerhin zweimal zu Beginn unseres Jahrhunderts. 1907 öffnete im Moor bei Clifden die Telegraphenstation des Funkpioniers Marconi; von hier aus wurden die ersten drahtlosen Transatlantikmeldungen nach Cap Breton in Kanada gefunkt. In der wirtschaftlich schwachen Gegend wurde die Telegraphenstation nicht zuletzt ein wichtiger Arbeitgeber.