2. 8. 1932 Ich fragte den Leiter unseres Politzirkels: "Was soll ich zuerst lesen, Marx oder Lenin?" Er meinte, ich solle beide zur gleichen Zeit lesen. Er riet mir auch, mit dem Bleistift zu lesen. In den Schriften von Marx, in seiner Philosophie, da gibt es so viel Dunkles, schwer Verständliches, solche Tiefen, daß sich selbst beim dritten Lesen noch viel Neues und Wichtiges eröffnet.

15. 8. 1932 War im Park der Malaja-Dmitrowka-Straße auf einer Versammlung. Hatte Karl M. bei mir. Als Sakun [ein Komsomol-Funktionär] schaute, was ich da lese, brüllte er vor Lachen, gab mir das Buch sofort wieder zurück und setzte sich, noch immer lachend, auf eine andere Bank. Wie gemein. Aber schlage ich vielleicht wirklich bloß die Zeit tot? So hart ich auch zu mir bin, es kommen doch Zweifel auf. Später begleitete ich Sakun zur Prawda. Unterwegs kam ich ins Erzählen. Er wurde freilich ein bißchen kleiner, als er erfuhr, daß ich schon beim Studium der Werke Stalins bin und sie nicht zum ersten Mal studiere.

13. 9. 1932 Meine Erfolge in der Produktion machen mir keine Freude.

Werde ich mich womöglich von den anderen unterscheiden? Diese Frage läßt meine Haare zu Berge stehen, und meinen Körper überzieht ein leichtes Zittern. Ich bin jetzt ein mittlerer Mensch, der weder zur einen noch zur anderen Seite gehört und der leicht auf die eine oder die andere herabrutschen kann. Meine Chancen stehen schon besser für die positive Seite, aber es gibt noch einen negativen Teil. Wie teuflisch der mich quält.

Im Herbst 1932 wurde Podlubnyj von der Staatssicherheit (GPU, 1934 in NKWD umbenannt) als Informant angeworben. Er mußte regelmäßig über "konterrevolutionäre Vorkommnisse" berichten. Bei jedem Treffen befürchtete er, daß die GPU-Offiziere seiner verheimlichten Kulakenherkunft auf die Spur kämen.

1. 10. 1932 Verflucht, ich bin so unzufrieden, daß ich mich mit dieser GPU eingelassen habe. Die verderben mir die ganze Stimmung.

Nehmen mir einen großen Teil meines Lebens weg. Wenn ich von dort rauskomme, bin ich wie betrunken, so erschöpft, daß ich auf der Stelle einschlafen könnte. Krank komme ich von dort raus, und das alles innerhalb von 25 Minuten. Und was, wenn die mich einen ganzen Tag bei sich behielten? Da muß man ja verrückt werden.