San Francisco, Bezirksgefängnis Nummer acht und neun, 425 Siebente Straße. Uns sitzt ein Mann gegenüber mit braungebranntem Gesicht und einer dünnrandigen Brille. Er spricht in wohlgesetzten Worten und hat den Blick auf seine Hände gesenkt. "Ich landete im Gefängnis, weil ich eine furchtbare Tat begangen hatte - ich hatte meinen Vater getötet."

Doch der Mann, der das sagt, ist kein Häftling. Nicht mehr. Mittlerweile leitet er ein Gefängnis. Assistant Sheriff lautet sein korrekter Titel. Er hat 600 Mitarbeiter unter sich und ist für 2000 Häftlinge verantwortlich - für Räuber, Diebe, Vergewaltiger und Mörder.

Das Gefängnis an der siebenten Straße ist so ungewöhnlich wie sein Direktor Michael Marcum: moderne Architektur, viel Glas, Rundbögen, von außen sind keine Gitter zu erkennen. Vor kurzem wurde ein neuer Block eröffnet. Die Haftanstalten im Raum San Francisco sind völlig überfüllt. Nirgendwo - verglichen mit der Zahl der Einwohner - sitzen mehr Menschen im Gefängnis als in Kalifornien.

Ereignet hat sich das schreckliche Ereignis vor zwanzig Jahren.

Michael Marcum ist gerade mal achtzehn Jahre alt. Er wächst allein mit seinem geschiedenen Vater auf; nichts kann Michael ihm recht machen, an allem findet er etwas auszusetzen. So auch an dem bewußten Abend: Als sein Vater nach Hause kommt, hat Michael gerade Besuch von einer Freundin. Es kommt zu einem Schreiduell, der Vater schlägt ihn, Michael verläßt mit dem Mädchen die Wohnung, kehrt allein zurück. Immer noch tobt der Vater. Da nimmt der Sohn ein Gewehr, um seinen Vater dazu zu zwingen, ihm zuzuhören. Vergeblich. Schließlich schießt er auf ihn. "Ich hielt meinen Vater noch lange in meinen Armen. Dann habe ich die Polizei gerufen."

An der Gewalt in seinem Leben ändert sich vorerst nicht viel.

"Statt wie bisher zu Hause", erinnert er sich, "wurde ich nun von den Mithäftlingen geschlagen." Doch als sie erfahren, daß sie jemanden vor sich haben, der einen Menschen tötete, respektieren sie ihn. "Im Gefängnis herrscht ein umgekehrtes Wertesystem. Die Gewalttätigsten sind die Herrscher, auch über die Aufseher." Einige seiner Mithäftlinge betreten das Gefängnis als Marihuana-Händler und setzen ihre kriminelle Karriere nach der Entlassung als Mörder fort. Diesen Kreislauf will er durchbrechen - vorerst zumindest für sich.