Daniel Jonah Goldhagen redet gern über Deutschland. In seiner Stimme schwingt dann eine seltsame Mixtur aus unersättlicher Neugierde und spürbarem Unbehagen mit. Vor allem, wenn es um das Deutschland von damals geht. Denn die Bundesrepublik hält der amerikanische Harvard-Politologe "für ein ganz anderes Land".

Aus eigener Anschauung kann der 36jährige Autor von "Hitler's Willing Executioners" natürlich nur das Deutschland von heute kennen - dessen Vergangenheit aber ist ihm stets präsent. Während zweier Aufenthalte vertiefte er sich in Akten aus der Nazizeit.

Zunächst ein Jahr als Student: Als Abschlußarbeit verfaßte er eine Biographie des SS-Generals Otto Ohlendorf.

Die Täter sollten ihn nicht mehr loslassen. Bei seinem zweiten Aufenthalt in Deutschland beschäftigte er sich vierzehn Monate lang mit den Zeugenaussagen von Naziverbrechern, die in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg archiviert sind. Auf diese Akten stützen sich große Teile seiner Recherche für das Buch. Daß seine radikale These, nach der Hundertausende von Deutschen während der Nazizeit bereitwillig Juden ermordeten, im Land der Täter heftige Reaktionen auslösen werden, dessen ist sich Goldhagen sicher.

Er selbst war Anfang zwanzig, als er begann, sich wissenschaftlich mit dem Holocaust zu beschäftigen. Auslöser sei ein Vortrag von Saul Friedländer gewesen und die anschließende Diskussion, bei der "jeder davon redete, warum Befehle gegeben wurden, aber nicht, warum sie ausgeführt wurden". Ein Studienkollege aus dieser Zeit beschreibt Goldhagen als einen "ungewöhnlich nachdenklichen und respektierten" Menschen, der sich früh mit diesem Thema verbunden gefühlt hat, ohne deshalb trübselig zu sein.

Seine Forschung ist auch der Versuch, Antworten auf ganz persönliche Fragen zu finden. Das Buch hat Daniel Goldhagen seinem Vater, "meinem ständigen Diskussionspartner", gewidmet. Erich Goldhagen, ein Überlebender des jüdischen Ghettos im damals rumänischen Czernowitz, hat selbst 25 Jahre lang als Professor an der Universität Harvard Seminare über den Holocaust gehalten. Die meisten seiner Verwandten sind von den Nazis ermordet worden.

Wie in vielen Familien von Überlebenden wurde auch bei den Goldhagens, die in der Nähe von Boston leben, nichts oder nicht viel von den Schrecken der Vergangenheit offengelegt. Daniel, das zweitälteste von vier Kindern, kann sich nicht erinnern, daß sein Vater von seinen eigenen Erfahrungen gesprochen hat. Und dennoch war die Geschichte stets allgegenwärtig. Allerdings nicht als ein Leidensthema, sagt Daniel Goldhagen, sondern "innerhalb eines intellektuellen Rahmens". Diese bewußt gewählte Distanz gegenüber dem eigenen Erlebten ist auch spürbar, wenn Erich Goldhagen in fließendem Deutsch über die Vergangenheit spricht. Ohne die "intellektuelle Besonnenheit und Redlichkeit" des Vaters, schreibt der Autor in seinem Nachwort, wäre ihm diese Arbeit so nicht gelungen.