Sarajevo

Die Tür der Botschaft steht offen, eine junge, verhüllte Frau bittet die Besucher zu warten. Wir nehmen in einer Ledercouch Platz, die Schuhe ruhen auf einem Perserteppich. Gegenüber ein alter Vitrinenschrank, daneben ein Photo des bosnischen Präsidenten Izetbegovic mit Staatschef Rafsandschani in Teheran. Die iranische Botschaft im zerschossenen Sarajevo stammt aus der Zeit, da Bosnien noch österreichisch war. Von dem restaurierten Palais am Miljacka-Fluß sind es nur ein paar Schritte zum Präsidentenpalast der Republik Bosnien-Herzegowina. Der iranische Botschafter gilt als der einflußreichste der Stadt, zusammen mit seinem amerikanischen Kollegen. Doch während sich Washingtons Emissär in einem mit Stacheldraht und Panzerwagen gesicherten Flachbau verschanzt, werben die Iraner um jeden Besucher.

Der Gesandte gießt Tee ein. "Wir haben alle militärischen Beziehungen zu Bosnien eingefroren", antwortet er auf den Vorwurf, der Iran halte noch Krieger im Land aus. "Das ist nur amerikanische Propaganda."

Tatsächlich kann niemand genau sagen, wie viele Mudschahidin und Militärberater noch im Land sind. Im Februar hoben Nato-Soldaten ein Lager islamistischer Terroristen in Fojnica aus. Drei Iraner waren darunter. Die bosnische Regierung sagt, sechzig ehemalige Kämpfer seien noch in Bosnien; sie könnten nicht ausgewiesen werden, weil sie bosnische Pässe hätten. Im Krieg begrüßte Washington noch iranische Waffenlieferungen an Bosnien, berichtet die Los Angeles Times. Heute jedoch knüpft Amerika seine Militärhilfe an den Abzug aller Mudschahidin. Die Mittel für den Wiederaufbau, über die am Wochenende die Geberländer in Brüssel entscheiden werden, hängen zwar nicht davon ab; aber dennoch fragen sich die internationalen Sponsoren: Wächst der islamische Einfluß in Sarajevo?

Entsteht auf dem Balkan ein Bosnjakistan?

Ein Wettstreit der Zivilisationen ist entbrannt. Im Herzen Sarajevos eröffnet die "Islamische Republik Iran" ein Kulturzentrum: Sprachkurse wird es geben, Lesungen, Austauschprogramme für Studenten. Vorige Woche fand im mittelbosnischen Zenica ein Koranseminar statt, zwei iranische Ajatollahs gehörten zu den Dozenten. Überall in Sarajevo arbeiten islamische Hilfsorganisationen. Kuwaitis verschenken Lebensmittelpakete nur an Familien, deren Kinder Passagen des Koran auswendig hersagen können. Auf den Straßen der Stadt wird der Koran verkauft, für Kinder sogar als Comic, kurioserweise 1989 gedruckt im serbischen Novi Sad. In der ehrwürdigen Gazi- Husrev-Beg-Moschee in der Altstadt beten junge Leute - darunter viele Soldaten. Die westliche Antwort findet sich gleich gegenüber dem iranischen Kulturzentrum: ein Benetton-Laden.

Das Geschäft ist nicht das letzte Bollwerk des Säkularismus. Sarajevo strahlt weiterhin einen gewissen Charme der Vielfalt aus. Die weltliche Tradition des kommunistischen Jugoslawien wirkt bei den Muslimen nach. Alkohol ist nicht verpönt; verhüllte Frauen sieht man in Sarajevos Straßen seltener als in manchem deutschen Großstadtviertel. Bosnjaken sind eben europäischer als Anatolier.