Kaum ein Philosoph hat in den vergangenen Jahren hierzulande solch anhaltende Kontroversen ausgelöst wie der australische Bioethiker Peter Singer, der eine Euthanasie in eng begrenzten Fällen befürwortet.

Bereits 1989 geriet der Wissenschaftler von der Monash University in die Schlagzeilen, weil er auf Einladung der Bundesvereinigung Lebenshilfe, der größten Elternvereinigung für geistig Behinderte in der Bundesrepublik, in Marburg auf einem Symposium reden wollte.

Wegen massiver Proteste und Drohungen wurde das Symposium abgesagt.

Gleiches geschah mit einer geplanten Veranstaltung an der Universität Dortmund. Nun wiederholt sich diese sehr deutsche Geschichte erneut.

Peter Singer sollte Anfang Mai in Heidelberg auf einem internationalen Kongreß reden, der sich mit "Fundamentalismus und Beliebigkeit in Wissenschaft und Therapie" befaßt. Das veranstaltende Heidelberger Institut für systemische Forschung hat seine Einladung an Singer widerrufen, an diesem Donnerstag erläutert es den Konflikt auf einer Pressekonferenz. Vorab erklärte es dazu: "Wir haben Peter Singer eingeladen, obwohl wir andere Ansichten vertreten als er, und wir nehmen die Einladung an ihn zurück, obwohl wir diesen Schritt für falsch halten. Wir haben uns dazu entschlossen, da wir ausreichend Hinweise dafür erhielten, daß andernfalls über legitime Proteste hinaus der Ablauf des Kongresses gewalttätig gestört werden könnte."

Die ganze Affäre ließe sich als Provinzposse abtun, in der Vertreter eines privaten Institutes über den Fundamentalismus diskutieren wollten - und ihn nun am eigenen Leibe erfahren. Den Kongreßorganisatoren hätte die Brisanz der Lage klar sein müssen, sind sie doch überwiegend Psychiater, Psychotherapeuten, Psychologen und Philosophen, einige von ihnen lehren an der Universität Heidelberg. Warum sollte es ihnen besser gehen als anderen Instituten zuvor oder dem Rowohlt Verlag, der sich im Frühjahr 1993 durch Terrordrohungen genötigt sah, auf die Veröffentlichung eines Buches von Singer und seiner Mitarbeiterin Helga Kuhse zu verzichten?

Auch wenn sich die Veranstalter verschätzt haben - zur Häme ist kein Anlaß, sondern eher zur Nachdenklichkeit. Das Thema des Kongresses berührt eine offene Wunde. Weltbild und Wertesystem unserer Gesellschaft sind ins Wanken geraten, nach dem "Ende der Gewißheiten" droht eine Spaltung: hie Fundamentalisten, die jede Diskussion über vermeintlich höhere Moral und gottgegebene Ethik mit Terrordrohungen unterbinden; da die Vertreter individualistischer und rationaler Nützlichkeit, mit der sie nahezu alles zu rechtfertigen suchen und so der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen.