Vielleicht wird man am Ende sagen, der Winter-Eklat sei notwendig gewesen; es habe des Erschreckens über die deutsch-tschechische Eiszeit bedurft, um schließlich die Kompromißbereitschaft zu fördern.

Über Ostern ist nun durchgesickert, daß - plötzlich und unerwartet - ein Durchbruch erzielt worden sei in den Verhandlungen zwischen Prag und Bonn. Die gemeinsame Erklärung, ein quälendes Jahr lang wird darüber schon gestritten, könne bald unterzeichnet werden.

Gerade als das Projekt im Februar am Starrsinn beider Regierungen zu scheitern schien, als Außenminister Klaus Kinkel von der Unverbindlichkeit der Potsdamer Beschlüsse schwadronierte und damit die Furcht vor dem großen Deutschland wachrief, just in dieser Phase der Verbitterung setzten sich die Verhandlungsführer beider Seiten noch einmal zusammen. Und sie kamen voran. Das hatte vor Ende Mai, also vor den tschechischen Parlamentswahlen, niemand mehr zu hoffen gewagt.

Inzwischen ist im Prager Außenministerium von "neuen Signalen aus Bonn" die Rede, bei den CSU-Außenpolitikern von "überraschender Beweglichkeit in Prag".

Die einzelnen Formulierungen der Erklärung mag einstweilen niemand preisgeben, wohl aber die Prinzipien: Bisher verlangte Prag von der Bundesrepublik, nicht länger auf der Rückgabe des Besitzes enteigneter Sudetendeutscher zu bestehen. Bonn hielt dem entgegen, man könne nicht als Regierung auf die Ansprüche einzelner Bürger verzichten, ohne Schadenersatzforderungen auf sich zu ziehen.

Nun scheint eine Kompromißformel gefunden zu sein, die den Tschechen die Angst vor den Sudetendeutschen nimmt und zugleich der Bundesregierung die Sorge vor einer Verfassungsklage. Dafür hat Prag offenbar einer deutlicheren Verurteilung der Vertreibung zugestimmt. Bisher mochte Tschechien sich bloß von den Exzessen während der Vertreibung distanzieren.

Diese Lösung scheint auch Edmund Stoiber, der Schirm- und Schutzherr der Sudetendeutschen, zu akzeptieren. Vorsichtig bereitet er seine Klientel vor. Kurz vor Ostern hielt er im Sudetendeutschen Haus eine bemerkenswerte Rede: "Selbstverständlich lassen sich viele materielle Folgen des damaligen Geschehens heute nicht mehr beheben ...