Einige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler verkündete Hitler vor den Repräsentanten der obersten militärischen Führung seine feste Absicht, ohne Rücksicht auf das Ausland und auf vertragliche Bindungen, massiv aufzurüsten. Die Zeit des Aufbaus einer starken Wehrmacht sei allerdings die gefährlichste Phase: "Da wird sich zeigen, ob Frankreich Staatsmänner hat; wenn ja, wird es uns nicht Zeit lassen, sondern über uns herfallen." Bekanntlich tat Frankreich dies nicht.

Warum gelang es nicht, Hitler in den entscheidenden ersten Jahren des "Dritten Reiches" erfolgreich in die Schranken zu verweisen?

Robert W. Mühle will mit seiner Bonner Dissertation einen Beitrag zur Beantwortung dieser Schlüsselfrage der europäischen Geschichte der Zwischenkriegszeit liefern. Minutiös, bisweilen vielleicht allzu ausführlich untersucht er die Deutschlandpolitik Frankreichs zwischen Hitlers Machtübernahme 1933 und der im Frühjahr 1935 offen proklamierten vertragswidrigen Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Dabei möchte er keine Diplomatiegeschichte traditioneller Art schreiben, sondern eine "Politikgeschichte in moderner Sicht", welche das Handeln von Persönlichkeiten und die Wirksamkeit der forces profondes, der tieferen Wirkkräfte, in Beziehung setzt.

Um es gleich vorwegzusagen: So recht gelingt ihm dieses schwierige Geschäft nicht. Er erfaßt wohl die Interdependenz der "Trias von Diplomatie-Parlament-öffentlicher Meinung"; soziostrukturelle, ökonomische, insbesondere rüstungswirtschaftliche und finanzpolitische Zusammenhänge, die Robert Frank kürzlich in seinem faszinierenden Buch "La Hantise du Déclin" viel überzeugender in den außenpolitischen Kontext eingefügt hat, werden dagegen fast gar nicht beleuchtet.

In der Zentrierung auf die drei in der damaligen Außenpolitik Frankreichs wichtigsten Akteure - Daladier, Barthou, Laval - kommt letztlich die personengebundene Diplomatiegeschichte doch stärker zur Geltung, als der Verfasser beabsichtigt haben mag.

Im Gegensatz zu einer allzu starr auf Strukturen fixierten Geschichtsbetrachtung werden indessen das Gewicht bestimmter personeller Konstellationen, die Bedeutung gar des Zufalls gut herausgearbeitet. Vor allem ist die konsequente Weiterführung einer schon von Robert Young vorbereiteten Neuinterpretation der Rolle und der Politik Außenministers Barthou hervorzuheben.

Im Oktober 1933 war der radikalsozialistische Ministerpräsidenten Edouard Daladier, der seit Januar 1933 als innenpolitischer Reformpolitiker eine Zeit außenpolitischer Ruhelage angestrebt hatte, gescheitert; unfähig, das neue Phänomen jenseits des Rheins klar einzuschätzen, hatte er keine eindeutige Deutschlandpolitik zu konzipieren vermocht.