BONN. - Wen wird es wundern, wenn mein Nachbar die Polizei alarmiert, sobald ich ihm sage, ich sei Kurde? So weit ist es zwar noch nicht, aber wahrscheinlich wird es bald so kommen. In fetten Lettern erfahre ich aus der Boulevardpresse, wie kriminell viele Kurden in Deutschland sind. Solche Schlagzeilen kommen gewiß dem Bedürfnis der Massen nach Pauschalurteilen entgegen.

Mir sind harte Worte über die wilden Kurden nicht fremd. In noch fetteren Überschriften erfuhr ich von ihnen schon vor Jahren tagtäglich. Aber das war in der Türkei. Dies ist der kleine, aber gravierende Unterschied. Deutschland oder, besser gesagt, die deutsche Presse versuchte bisher noch zu differenzieren zwischen dem einzelnen und einer Nation.

Dieser Unterscheidungsfähigkeit der Deutschen ist es zu verdanken, daß die vielen Kurden aus der Türkei, die häufig schon in der zweiten Generation in Deutschland leben, hier eine zweite Heimat gefunden haben. Eine Heimat, die sie nicht weniger als Kurdistan lieben.

Der Grund dafür, daß sie hier heimisch geworden sind, ist nicht nur, wie viele Deutsche glauben, die Chance zu einer wirtschaftlich gesicherten Existenz. Grund für ihre Liebe zu Deutschland ist auch, daß ihnen die meisten Deutschen unbefangen gegenübertraten, sich für die Hintergründe ihrer Emigration und für ihre Kultur interessierten. In der Bundesrepublik durften Kurden eine völlig neue Erfahrung machen: Wenn sie sich zu ihrer nationalen Identität bekannten, wurden sie nicht mit diskriminierenden Vorurteilen überschüttet. Diese Reaktionen gaben den Menschen eine Freiheit, die sie den Wert einer Demokratie ahnen ließ.

Die knappe halbe Million Kurden, die aus der Türkei stammen, führen in der Mehrzahl ein friedfertiges Leben. Zu ihnen gehören der "türkische" Imbißbesitzer ebenso wie der Gemüsehändler und Fabrikarbeiter. Es sind Menschen aus einer einfachen Gesellschaft, deren Erfahrungen in der Türkei sie lehrten: Wenn du etwas werden willst, sag nie, du seist Kurde.

Vor allem der Vorsitzende der PKK, Abdallah Öcalan, hat erkannt, wie tief der Stachel der Selbstverleugnung im kurdischen Volk sitzt. Das ist der wunde Punkt der Kurden und die Ursache des Erfolges von Öcalans Politik. Er erwähnt nicht ohne Grund bei jeder Gelegenheit das Begriffspaar Kurde und Kurdistan. Öcalan ist sich angesichts einer jahrelangen Repression der provokativen Kraft dieser Worte bewußt. Seine politische Erfahrung hat ihn ein Feind-Freund-Denken gelehrt. Seine exotische, dem blassen Europäer so dunkel erscheinende Physiognomie drängt das Bild vom wilden Kurden auf.

Doch auch wenn es Erfolg und Auflagenhöhe verspricht, sollte kein verantwortungsbewußter Journalist der Hysteriebereitschaft einer Nation - man denke an den "Rinderwahnsinn" - dienen. Die ungeschminkten Reden von Öcalan lassen sich auch anders verstehen.