Pschscht! Babbel net, der Schlappi sprischt!" Die junge Frau ziept nur kurz am Ärmel ihres Nachbarn, dann legt sie den blau-weiß bemützten Kopf leicht schräg und richtet den Blick konzentriert in eine imaginäre Ferne links oben. Sie ist ganz Ohr. Die Gruppe um sie herum in der Straßenbahn lauscht ebenfalls der Stimme von Klaus Schlappner, Trainer des SV Waldhof Mannheim. Heiser tönt es aus Deckenlautsprechern: "... die Möglichkeiten wurden herausgespielt, leider wie so oft wenig im Abschluß ..."

Präzise Analyse. Stumme Zustimmung nicht nur bei jungen Leuten, die halbe Straßenbahn nickt. "Das ist schon gut, wenn man im Radio hört, daß die eigene Einschätzung des Spiels stimmt", findet einer, und sein Nachbar bestätigt es mit einem nachdenklichen "subba" (super). Mit badischer Gelassenheit nehmen die Mannheimer ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt zur Kenntnis: Fußball-Radio in Straßenbahnen, neunzig Minuten vor und neunzig Minuten nach den Heimspielen des Zweitligisten SV Waldhof.

Einer der "Macher", Gerhard Mandel, saß eben noch, mit Händen und Füßen wedelnd, in der Sprecherkabine des Süddeutschen Rundfunks (SDR) im Stadion und schickte eine Live-Reportage der letzten drei Spielminuten durch den Äther. Mandel, stellvertretender Redaktionsleiter von Kurpfalzradio, einem Ableger des SDR, war Feuer und Flamme, als die Mannheimer Verkehrsgesellschaft vor einem Jahr einen Sender suchte für ihr Projekt "das Erlebnis Fußball mit dem Erlebnis Straßenbahn zu verbinden".

Das Bindemittel heißt Radio. Seit Herbst vergangenen Jahres gehen zu jedem Heimspiel der Waldhofer zwischen Nicole, Rex Gildo und Instrumentalmusik Prominententips, Interviews, Tabellenstand und Mannschaftsaufstellungen auf Sendung. Und die Straßenbahnen, die das Stadion ansteuern, schalten auf Empfang. Entspannte Stimmung auf der Hinfahrt. Die Bahn schlängelt sich durch die Innenstadt, wo die Geschäfte gerade schließen. Hausfrauen sitzen neben Fußballfans, Fahnenstangen stehen neben Einkaufstaschen. Marianne Rosenberg gibt ihr Bestes.

Die Pioniertat der Mannheimer Verkehrsbetriebe hat ihren Grund: Das neue, erst zwei Jahre alte Carl-Benz-Stadion liegt inmitten eines Wohngebiets, und die Anwohner wehrten sich in einem langen Rechtsstreit gegen das bei Heimspielen des SV Waldhof vorhersehbare Chaos auf zugeparkten Gehwegen und blockierten Einfahrten. Höchstrichterlich wurde entschieden, daß so viele Zuschauer wie möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren sollen.

Rückfahrt: Waldhof hat gewonnen. Siegestrunken debattieren die Fans in der Straßenbahn lautstark über das Spiel, hantieren mit ihren Fahnen, suchen ihr Gleichgewicht. "Ich hab` doch das Spiel gesehen, was brauch` ich Radio?" fragt einer. Andere können gar nichts hören, denn in der hochmodernen Niederflurstadtbahn mit dem Fußballmännchen auf der Anzeige drängeln sich nach Spielschluß etwa 400 Menschen dicht an dicht und produzieren in der Summe enorm viel Lärm.

Später, als der erste Schwung unterwegs ist, gibt's in den Bahnen mehr Luft zum Atmen und Hören, und wer will, kann sich unter einen Lautsprecher stellen. Die jungen Leute, die da gebannt den Worten von Trainer Schlappner lauschen, haben sich bewußt einen guten Platz gesucht, um nichts zu verpassen. "Es wird halt viel Musik gespielt. Die könnte aber ruhig rockiger sein", sagen zwei, die diesen Service der Verkehrsbetriebe jedenfalls "irgendwie gut" finden.