m ersten Moment erinnert das Spermientreiben unter dem Mikroskop an ein Badevergnügen. Da ziehen einige Schwimmer lustvoll ihre Bahnen oder rudern mit ihren Schwänzen selbstvergessen im Kreis.

Viele Spermien aber treiben regungslos in dem winzigen Tropfen auf dem Objektträger, beobachtet Katrine Bryding. Die Laborantin nimmt im Kopenhagener Rigshospitalet, dem größten Krankenhaus Dänemarks, das Ejakulat fortpflanzungsschwacher Männer unter die Lupe. Mit einer Spezialkamera filmt sie die kaulquappenähnlichen Zellen und speichert deren Schwimmverhalten in einen Computer.

Je mehr Spermien träge oder tot in der Probe dümpeln, desto schwächer scheint die Fruchtbarkeit.

Diese computergestützte Messung der Samenmobilität hat jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. Selbst wenn das System den Zellen eine verheerende Trägheit bescheinigt, kann der Spender doch noch Vater werden. Schließlich reicht - zumindest theoretisch - ein einziges vordringliches Spermium, um das Ei zu befruchten. Trotzdem aber produziert ein gesunder Mann scheinbar Samen im Überfluß.

Im milchigen Ejakulat - normalerweise sind es drei Milliliter - tummeln sich Abermillionen Samenfäden.

Doch die Spermientruppe hat in letzter Zeit an Schlagkraft verloren, fürchtet Niels Skakkebaek. Der hagere Medizinprofessor, der an der Kopenhagener Klinik potenzschwache Männer und Kinder mit Entwicklungsstörungen behandelt, glaubt beobachtet zu haben, daß im Ejakulat des Mannes die Samenzellen schwinden. 1992 veröffentlichte Skakkebaek mit Mitarbeitern im British Medical Journal eine Studie, die ihm etliche Medienauftritte, aber auch scharfe Kritik bescherte: Im Laufe der vergangenen 50 Jahre sei die Zahl der Samenfäden im Sperma von ehedem 113 Millionen pro Milliliter auf nunmehr 66 Millionen gesunken, lautete die unheilvolle Nachricht. Obendrein habe sich das Volumen des Ejakulats verringert, im Schnitt von 3,40 auf 2,75 Milliliter. Die Dänen hatten frühere Spermienanalysen aus 20 Ländern von insgesamt 14 947 Männern ausgewertet, deren Samen zum Teil jedoch nach unterschiedlichen Standards gezählt worden waren. Womöglich habe Skakkebaek "Äpfel mit Birnen verglichen", bemängelt darum der Würzburger Mediziner Bruno Allolio von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Unverhoffte Schützenhilfe erhielt der 59jährige Skakkebaek vergangenes Jahr von französischen Spermienzählern, die seine These von der schwindenden Manneskraft ursprünglich widerlegen wollten. Doch zu ihrer Verblüffung beobachteten auch sie, daß bei 1351 gesunden Männern die Zahl der Samenzellen zwischen 1973 und 1992 alljährlich um etwa zwei Prozent gesunken war. Andererseits war der Anteil mißgebildeter oder unbeweglicher Exemplare kontinuierlich gestiegen.