Die erste Injektion enthält ein Beruhigungsmittel. Die zweite sorgt dafür, daß die Lungen implodieren. Bei der dritten bleibt das Herz stehen. Wie von Geisterhand werden die Lösungen aus den Kolben in die Kanüle gedrückt, der Kandidat liegt still, festgeschnallt, mit geschlossenen Augen. Dann reißen plötzlich die Lider auf, das EKG piepst, auf dem Bildschirm erscheint die Nullinie - es ist vollbracht.

Der Tod im Louisiana State Penitentiary ist eine perfekte Angelegenheit.

Vor der Hinrichtung legt ein Team von Ärzten und Krankenschwestern Hand an, mißt den Puls und rasiert die Wade für den Fall, daß sich am Arm keine Vene findet. Der Sergeant, der für das linke Bein zuständig ist, schnallt das linke Bein an und sein Kollege das rechte. Dann, Punkt Mitternacht, setzen zwei Techniker per doppelten Knopfdruck den Injektionsapparat in Gang. Nur einer der Impulse aktiviert den Mechanismus. So trägt keiner von beiden die Schuld.

"Die Todesstrafe", sagt Schwester Helen Prejean, "ist ein Abstraktum, ein heimliches Ritual, bei dem eine Handvoll Leute mitten in der Nacht einen Mann umbringt. Wenn die Leute sehen könnten, was dabei vor sich geht, wäre die Todesstrafe längst abgeschafft." Helen Prejean hat Todeskandidaten in den Vereinigten Staaten betreut und auf ihrem letzten Gang begleitet. Das Buch, das sie über ihre Erfahrungen schrieb, diente Tim Robbins als Vorlage für seinen gleichnamigen Film "Dead Man Walking".

Ich bin mir nicht sicher, ob Schwester Helen nicht etwas anderes meinte. Seit den Schaukämpfen in römischen Arenen bis zum Reality TV ist der Anblick des Tötens begehrt: neben Sex das heißeste Tabu. Ob "Tagesschau", Kriegsreportage oder Actionthriller: In den Medien wird unentwegt gemordet und gestorben. Dabei schreckt die Omnipräsenz des Tötens - Beispiel Bosnien - kein bißchen ab.

Wer hinsieht, ist nicht automatisch aufgerüttelt. Aufklärung läßt sich nicht mit Schocktherapie bewirken. Es genügt also nicht, für Augenzeugen zu sorgen. Es kommt darauf an, daß uns trifft, was wir sehen.

Der Kandidat heißt Matthew Poncelet. Die Anklage lautet auf Mord und Vergewaltigung. Matthew Poncelet spricht den Slang der armen Leute, trägt Tätowierung, eine steile Fönfrisur, dazu Backen- und Kinnbart, tritt im Fernsehen mit Nazisprüchen auf, beschimpft die Schwarzen und sagt, er sei unschuldig. Sean Penn spielt Matthew Poncelet mit schmalen, müden Augen, kaltem Herzen und stumpfem Charakter. Kein Justizopfer, für das man sich erwärmen könnte, sondern, mit den Worten des Regisseurs, ein echter Kotzbrocken: garantiert unverbesserlich. So einer verdient kein Mitleid und schon gar keine Gnade.