Nach landläufigen Maßstäben wäre Jürgen Schrempp, Vorstandschef der Daimler-Benz AG, zu den sprichwörtlichen "Nieten in Nadelstreifen" zu zählen. Der Konzern weist mit 5,7 Milliarden Mark den größten Verlust aus, den bislang ein deutsches Unternehmen vorlegte, und zahlt erstmals seit 1950 keine Dividende. Seine Beteiligungen AEG und Fokker sind am Ende, Tausende von Arbeitsplätzen fielen dem Rotstift zum Opfer. Der Fiskus wird wohl länger auf Steuereinnahmen aus Stuttgart verzichten müssen. Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Schrempp, seinen Vorgänger Edzard Reuter sowie den Daimler-Aufsichtsratschef und Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, weil sie die Aktionäre über die desolate Lage des Konzerns getäuscht haben sollen.

Doch was auf viele Bundesbürger wie ein Sumpf von Mißmanagement wirkt, wird anderswo gepriesen. Das Wall Street Journal feierte Schrempp als eine Art Revolutionär, der "neue Wege geht" und mit dem antiquierten deutschen System bricht, ein Unternehmen zu führen.

Im Gegensatz zu alten Gepflogenheiten habe der Daimler-Chef nicht nur für einen Flop, den Fall Fokker, die Verantwortung übernommen und die Verluste "unverblümt" offengelegt. Nun wolle er auch noch den Konzern strikt auf Profitabilität trimmen und habe dabei vor allem das Wohl der Aktionäre im Auge.

Ganz so exklusiv, wie es jenseits des Atlantiks gesehen wird, ist Schrempps Haltung allerdings nicht. Auch andere deutsche Aktiengesellschaften wie Veba, das Softwarehaus SAP, Bayer oder Hoechst versuchen ihre Politik zunehmend an den Interessen der Anteilseigner, englisch: shareholders, zu orientieren. Ziel der Bemühungen ist es, den Wert des Unternehmens und damit den Aktienkurs zu steigern, wodurch das Vermögen der Eigentümer, der shareholder value, gemehrt wird.

Im Grunde genommen ist dieses Konzept nur eine modische Form der altehrwürdigen Gewinnmaximierung. Die Ironie der Geschichte: Während der Ansatz hierzulande als neue Zauberformel gefeiert wird, stößt er in seiner angelsächsischen Heimat zunehmend auf Kritik.

Das Konzept des shareholder value stellte der Amerikaner Alfred Rappaport 1986 in einem Buch vor (siehe Kasten). Sein Grundgedanke besteht darin, "daß der Unternehmenserfolg am ökonomischen Wert gemessen werden sollte, der für die Eigentümer geschaffen wird".

Der Professor für Betriebswirtschaft war zu der Erkenntnis gekommen, daß sich die Wertentwicklung von Anteilen eines Unternehmens "nicht verläßlich" aus den traditionellen Kennziffern ableiten läßt.