Lebte er noch, so müßte Dietrich Bonhoeffer bis heute als vorbestraft gelten: Am 8. April 1945 verurteilte ihn ein SS-Standgericht wegen Hoch- und Kriegsverrats zum Tode. Einen Tag später wurde er gemeinsam mit Admiral Canaris, General Oster, Heereschefrichter Sack und Hauptmann Gehre im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz gehängt.

Die Exekution schilderte der SS-Lagerarzt Fischer acht Jahre später: "Die Hinrichtungen fanden am frühen Morgen im Hof des Arrestbaues statt. Die Häftlinge mußten sich vollständig auskleiden und auf eine Leiter steigen, dann wurde ihnen der Strick um den Hals gelegt und die Leiter weggezogen. Der Tod trat durch Bruch des Genicks verhältnismäßig schnell ein."

Obwohl Bonhoeffer heute eine Symbolfigur des Widerstandes ist, obwohl Schulen und Straßen seinen Namen tragen - das Todesurteil ist immer noch rechtskräftig in der Welt. Jetzt, 51 Jahre nach Bonhoeffers Hinrichtung, betreiben zwei Privatinitiativen seine Rehabilitierung - ein Kreis ehemaliger DDR-Bürgerrechtler um Bärbel Bohley sowie eine Gruppe um einen Hannoveraner Hochschullehrer.

Dietrich Bonhoeffer, der am 4. Februar 1996 neunzig Jahre alt geworden wäre, wurde im April 1943 im Hause seiner Eltern festgenommen.

Die Gestapo warf ihm Wehrkraftzersetzung vor. Ohne Urteil blieb er zwei Jahre lang in Haft.

In der ersten Aprilwoche 1945 befahl der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Kaltenbrunner auf Weisung Hitlers, die prominentesten Regimegegner zu beseitigen, um sie nicht in die Hände der heranrückenden Alliierten fallen zu lassen. Der SS-Standartenführer Walter Huppenkothen erhielt den Auftrag, in mehreren Standgerichtsverfahren die Hochverratsanklage zu vertreten.

Huppenkothen war auf seine Aufgabe gründlich vorbereitet. Der Volljurist, geboren 1907 im rheinischen Haan, NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933, arbeitete seit 1935 für die Gestapo. Nach Verwendungen in Ostpreußen und Polen wurde er Anfang Juli 1941 ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin versetzt. Dort leitete er anfangs die "Polizeiliche Spionageabwehr", dann, nach dem Scheitern des 20. Juli, eine der sofort gebildeten "Vernehmungsgruppen".