Der Holocaust (...) könne nur erklärt werden, schreibt Daniel Jonah Goldhagen in seinem Buch "Hitler's Willing Executioners", wenn er systematisch bezogen wird auf die Gesellschaft des "Dritten Reiches" und auf den Antisemitismus als ihren integralen Bestandteil.

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Im Mittelpunkt des Buches stehen (...) die Täter (...), diejenigen, die als Mitglieder der Einsatzgruppen, der Polizeibataillone, des Wachpersonals in den Lagern und Ghettos, als Angehörige von Wehrmachteinheiten direkt an Tötungs- und Vernichtungsaktionen beteiligt waren. (...) Es waren keine fanatischen SS-Leute, sondern freundliche Familienväter, gewöhnliche Deutsche, ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft. Und sie mordeten laut Goldhagen nicht, weil sie dazu gezwungen waren, nicht aus blindem Gehorsam oder Angst vor Bestrafung, sondern aus freien Stücken, eifrig und ohne jede moralische Skrupel.

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Des Autors Ehrgeiz reicht jedoch weiter. Die Analyse der "gewöhnlichen" Täter dient ihm als Fenster zur Erkenntnis, warum in Deutschland, und nur in Deutschland, das monströse Verbrechen möglich war. Seine Kernthese lautet: Nirgendwo sonst hatte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts der rassistisch motivierte Antisemitismus so tief in die politische Kultur und alle Poren der Gesellschaft eingefressen, nirgendwo sonst hatte er sich zu einem eliminationist mind-set, zu einer Ausgrenzungs- und Ausmerzungsmentalität verfestigt. Der Boden für das Vernichtungsprogramm wäre demnach längst bereitet gewesen, als Hitler an die Macht kam. Zwischen der Naziführung und einer großen Mehrheit des deutschen Volkes herrschte so gesehen ein stillschweigendes Einverständnis darüber, daß Deutschland und später Europa "judenrein" gemacht werden müsse. (...) Von "Kollektivschuld" ist bei Goldhagen zwar nicht die Rede, doch in der Sache kommt seine Ableitung dem Vorwurf sehr nahe.

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