Berlin - Wie laut schreit ein Mensch? Wenn er ins Gesicht geschlagen wird? Wenn man ihm mit Stiefeltritten die Schienbeine traktiert? Und wie laut muß einer schreien, daß man ihn durch die Mauern eines Dienstzimmers hört? So laut wie der Wachtmeister hinter der verschlossenen Tür? Oder wie der hochgewachsene Herr im Wintermantel, der an normalen Arbeitstagen die schwarze Robe eines Richters trägt, aber nun - unter schallendem Gelächter der Umstehenden - "aua, aua, Hilfe, Hilfe" brüllt? Ein Gericht auf Ortstermin im brandenburgischen Bernau. Manchmal ist die Wahrheitsfindung - zum Schreien - grotesk.

Szenen eines Prozesses, bei dem es um Schwerwiegendes geht. Seit Mitte Januar wird vor dem Landgericht Frankfurt/Oder verhandelt, und dasVerfahren wird sich weit bis in den Herbst hineinziehen. Für die acht Männer auf der Anklagebank steht dabei der Beruf auf dem Spiel, für einen von ihnen möglicherweise auch die Freiheit. Auch die Justiz hat, im bisher größten Verfahren dieser Art, etwas zu beweisen: Mit welcher Ernst- und Gewissenhaftigkeit prüft ein Gericht den Vorwurf, deutsche Polizisten mißbrauchten ihr Amt, um Ausländer zu mißhandeln?

Über den Zeitraum von mehr als einem Jahr sollen acht Polizisten der Wache Bernau vierzehn Vietnamesen und einen Polen geschlagen, gedemütigt und mit physischer Gewalt zu Aussagen gezwungen haben. (ZEIT Nr. 28/1994) Monatelang, so die Anklage, konnten die Männer der Einsatzschicht Dora - offenbar ungehindert von Kollegen - in den Diensträumen agieren. Bis im Sommer 1994 einige der Opfer zögernd ihr Schweigen brachen.

Quang Mao N. ist einer von ihnen. Mit leiser Stimme, ohne überflüssige Worte, fast schon zu nüchtern, erzählt der 42jährige, was ihm im Mai 1993 auf der Polizeiwache Bernau widerfuhr. Bei ihrer Jagd nach illegalen Zigarettenhändlern hatten zwei Uniformierte ihn festgenommen und gefesselt in ein Durchgangszimmer der Polizeiwache gebracht. Dort habe er sich nackt ausziehen müssen, "dann wurde ich geschlagen, zunächst mit Faustschlägen ins Gesicht und auf die Brust. Dann trat man gegen meine Beine". Aus dem Nachbarraum hörte er die Schreie eines festgenommenen Landsmannes. Zwei Polizisten, berichtet Herr N., hätten sich bei den Schlägen abgewechselt, zur gleichen Zeit seien mehrere Uniformierte durchs Zimmer gelaufen. Irgendwann durfte Quang N. sich wieder anziehen. Doch mittlerweile hatten die beiden Polizisten in seinem Einkaufsbeutel einen Damenslip entdeckt. Den solle er anziehen, lautete der Befehl. Quang N. tat es, aus Angst vor weiteren Schlägen. Die Uniformierten hatten ihren Spaß. Erniedrigung anderer als Aufheiterung eines Polizistenalltags.

Die acht Männer auf der Anklagebank verziehen bei den Zeugenaussagen keine Miene. Die meisten von ihnen sind über dreißig Jahre alt und trugen schon zu DDR-Zeiten die Polizeiuniform. Familienväter mit leichtem Bauchansatz, keine jugendlichen Heißsporne, denen aus postpubertärem Kräfteüberschuß mal der Gummiknüppel "ausrutscht". Abgeschirmt von namhaften Verteidigern aus allen Teilen der Republik, die einmal die Woche zum Prozeß einfliegen, äußern sich die Angeklagten nicht zum Tatgeschehen. Untereinander hingegen, auf den Fluren, mit den ehemaligen Kollegen, plaudert man und scherzt. Nur an einem Punkt bricht unter der schützenden Jovialität regelmäßig die Anspannung durch: Wenn einer der Zeugen, vom Gericht dazu ermuntert, aufsteht, um sich die Gesichter der Männer auf der Anklagebank zu betrachten. Quang N. hat dabei auf den Kräftigen mit dem Schnauzer in der hinteren Reihe gezeigt: "Das war der eine." Der Identifizierte ist Joachim G., dem die Anklage 21 der insgesamt 23 Tatvorwürfe zur Last legt. Bei den Vietnamesen in Bernau hieß er der "Frischrasierte" und galt als besonders brutal.

Außer Quang N. haben bisher zwei weitere Belastungszeugen einen ihrer Peiniger vor Gericht wiedererkannt. Auch sie haben auf den "Frischrasierten" gewiesen. Dabei läßt der Vorsitzende der Strafkammer, Joachim Dönitz, um den Verdacht von Zeugenabsprachen gar nicht erst aufkommen zu lassen, vor jedem Prozeßtag die Sitzordnung auf der Angeklagebank neu mischen.