Hans Blumenberg ist tot. Mit ihm verlieren wir das in Deutschland ungewöhnliche Beispiel eines Denkers, der literarisch philosophierte. Anders als etwa in Frankreich entwickelt bei uns der zünftige philosophische Schreiber nur ausnahmsweise diesen Ehrgeiz, und wenn ein Dichter sein Denken vorzeigt, ist er wie Botho Strauß schnell isoliert. Immer pflegt man im Land der Dichter und Denker zu wissen, mit wem man es zu tun hat, mit dem einen oder mit dem anderen.

Hans Blumenberg, der Philosoph der unendlichen Erzählung, ist es gewesen, der das Denken in Geschichten mit den Geschichten des Denkens in einer Weise amalgamiert hat, die es uns nicht mehr erlaubt, die Reviere zu scheiden. "Dichter beweisen nichts. Darin sind sie den Philosophen nicht unähnlich."

Was bewiesen werden könnte, das wäre die Wahrheit. Der einen Welt entspräche die eine, die wahre Theorie. Sie gibt es nicht. Blumenberg war ein Skeptiker, der scharfsinnige Zuchtmeister aller Sinnhuber. Aber er war ein skeptischer Skeptiker, skeptisch auch der eigenen Skepsis gegenüber. In einem kleinen Essay von 1981 über den "Sinnlosigkeitsverdacht" plädiert er für eine "Kontingenzkultur", gegen eine "unbestimmte Wut auf die Welt", die er für die Quelle des Totalitarismus hält. Wenn die Welt wert ist, zugrunde zu gehen, weil der totale Sinn verloren ist, dann darf nach total Schuldigen gesucht werden. Der skeptische Skeptiker ist aber, anders als der affirmative Skeptiker, nicht sicher, daß das "Ganze das Unwahre" ist (Adorno). Er ist gegen eine "Diskriminierung des Trostes". Blumenbergs seltsam schwebende Philosophie hat keine finalen Rezepturen. Doch sie weiß viele Geschichten. Aber warum werden sie erzählt und für wen? Auch Scheherazade mußte in jeder der Tausendundeinen Nächte eine neue Geschichte erzählen. Sie tat es, um am Leben zu bleiben.

Hans Blumenberg möchte konservieren. Alles muß aufgehoben, nichts soll vergessen werden. Vor allem die großen Fragen sollen nicht verschwinden, nur deshalb, weil sie nicht zu beantworten sind. In zwei Zeiten fragt er: "Was es gewesen ist, was wir wissen wollen". Die Frage steht noch im Präsens, immer noch wollen wir wissen, ihr Gegenstand aber ist in eine undeutliche Vergangenheit verwiesen. Der Erzähler ist erfüllt vom "Streben, die Ubiquität des Menschlichen präsent zu halten". Der unendliche, nächtliche Erzählstrom hat kein natürliches Ende. Sein Ende, der Tod, war von vornherein unnatürlich.

Hans Blumenberg war ein Renegat der Einzigkeit. Für ihn gab es mehr als nur eine Wirklichkeit. "Wirklichkeiten in denen wir leben", so hieß der Titel seines berühmten Reclam-Bändchens. Nicht die eine, große Geschichte galt es zu erzählen, sondern möglichst viele, möglichst alle. Daher sind seine Bücher gelehrte Schatzhäuser, reich und dick, die Bücher eines einzigartig Belesenen. Er war der Antipode des monadischen Systemdenkers, der die wahre Theorie der Welt womöglich auf den einen Punkt einer Weltformel kondensieren will. Die verlorene Einheit war für ihn das große Drama. Hat es sie je gegeben? Oder ist es nur unser einer und einziger Kopf, aus dem der Wunsch stammt, auch aus der Welt ein Unikum zu machen? Sowenig wir die wahre Theorie besitzen, so sehr steht jedes Leben unter dem ehernen Gesetz der Einzigartigkeit. Wir haben nur ein Leben und doch so viele Geschichten, so viele Theorien. Und jede tut so, als sei sie, wenn nicht die große, so doch eine kleine Welt: "Daß wir in mehr als einer Welt leben, ist die Formel für Entdeckungen, die die philosophische Erregung dieses Jahrhunderts ausmachen."

Als eine Idylle erzählt er die Geschichte von dem Försterstöchterlein, das "die Wege nicht kennt", die aus seiner Waldlichtung herausführen, weil es noch glauben kann, daß die Lichtung, seine Welt, die Welt ist. Das ist der Zauber des Singulars, Erinnerung an den Garten Eden: ein Leben - eine Welt, und beide sind so ziemlich gleich groß. Für alle aber, die mehr wissen als das Försterstöchterlein, wird die Idylle zur Tragödie.