Das ist Stoff für Legenden, das klingt nach einem neuen Kapitel aus der Reihe "Unentdeckte amerikanische Einsiedler". Und: Das kommt davon, wenn man zu flüchtig liest und beim Berliner Jazz-November einen gewissen Maneri verpaßt, weil man ihn mit Mike Mainieri verwechselt, den Produzenten und Vibraphonisten, den man nicht hören muß.

Joe Maneri, ein 68jähriger kugelrunder Herr mit weißem Spitzbart und lichtem Haar, entspricht äußerlich kaum dem Klischee vom darbenden, vergessenen Künstler, würde eher ins Bild einer in Ehren ergrauten Swing Big Band passen. Sein Alptraum. Die Musik des 1927 in New York City geborenen Joe Maneri, Sohn sizilianischer Eltern, ähnelt vielmehr einer frei improvisierten Variation über die Schönheit von schrägen Zwischentönen. Mittlerweile Professor für Komposition am New England-Konservatorium in Boston, Verfasser theoretischer Werke über Mikrotonalität, bewegte er sich sein Leben lang in einem Viereck aus Zweiter Wiener Schule, der Harmonik Osteuropas, freier Improvisation und dem Sound des Jazz. 1996 erscheint die Summe aus diesen Einflüssen wie ein durchsichtiges, schwebendes Geflecht aus melodischen Linien, erdigem Klang und harmonischen Abstraktionen.

Die Klarinette Maneris setzt an, unterkühlt und doch voller lyrischer Versponnenheit; die Geige seines Sohnes Mat Maneri (geboren 1969) begleitet in intimer Nähe, mit sorgsam verfehlten Harmonien; die elektrische Gitarre von Joe Morris (geboren 1955) wandert als "walking bass" verkleidet oder taumelt als Pantomime eines Betrunkenen choreographiert: ein Kammertrio, das aus den Fugen gerät, aber immer die Form wahrt. Ein seltsamer Zauber geht von dieser Musik aus: Abstraktion und Sinnlichkeit zugleich, die Wärme der Instrumente und die Kühle der Gedanken. Die Hoffnung auf einen harmonischen Kehraus bleibt vergeblich!

Der tschechische Komponist Alois H ba leitete in den zwanziger Jahren aus der Existenz von Vierteltönen ein theoretisches System ab, bei Joe Maneri führt die Verwendung von Mikrotönen - eine Oktave besteht bei ihm aus 72 Mikrotönen - in ein ungewohntes musikalisches Niemandsland, eine Welt, die den Nahen Osten, Osteuropa und Indien anklingen läßt, die aber ganz eindeutig im Westen zu Hause ist. "Ich spiele, aber ich will keine halben Noten, ich will sie leicht daneben. Ich möchte keine Viertelnoten, ich will sie leicht daneben; ich will überhaupt keine Noten, ich will sie einfach vergessen. Und das ist dann das Wunder. Ich verstehe es selbst nicht ganz, aber irgendwie wissen wir alle, daß es so ist." Starke Worte für einen Professor.

"Three Men Walking" - die Plastik Alberto Giacomettis zitierend - ist Paul Bleys Hinweis und Steve Lakes Sachverstand bei ECM zu danken. Gleichzeitig erscheint "Let The Horse Go" (Leo Records CD LR 232; Vertrieb: jazz is beck, Postfach, 80327 München), im Quartett, durch Schlagzeug und Baß stärker geerdet - mehr als drei Dokumente eines Musiklebens dürfte es von Joe Maneri nicht geben. Vierzehn Titel nennt die CD, und doch ist es eher ein Zyklus aus Tongedichten für ein, zwei, drei Stimmen. Wohin sie sich auch bewegen, sie gehen im selben Raum, präzise daneben.

Joe Maneris denkende Musik, sinnlich und spröde zugleich, besitzt in der Welt des technisch Reproduzierten einige Duplikate: Lennie Tristanos Quintett-Improvisationen Ende der vierziger, die Aufnahmen des Jimmy-Giuffre-Trios Anfang der sechziger Jahre, Franz Koglmanns Pipe-Trio-Einspielungen der achtziger Dekade. "Three Men Walking" droht zu einer Kultplatte für Menschen zu werden, die gern Wörter wie Interaktion, Diskurs, Postmoderne oder Gestus verwenden. Den anderen, den Hörern, die voller Neugier sind, wird dieser zögernde Schritt der Töne entweder Augen und Ohren öffnen oder sie ratlos entlassen.