Mittags um zwölf herrscht noch gähnende Leere in der Redaktion, in der heute die Zeitung für morgen gemacht wird. Das mächtige Hauptquartier des Blattes, dessen Bürotürme am niederrheinischen Himmel kratzen, wirkt verlassen wie ein Kino zwei Stunden vor der Vorstellung. Da können die Fernschreiber tickern, was sie wollen.

Erst zwei Stunden später erwacht die Rheinische Post, die mit einer Auflage von 400 000 zu den zehn größten Tageszeitungen Deutschlands gehört. Joachim Sobotta, Chefredakteur der "Rheinischen Pest", wie Gegner das CDU-freundliche Blatt nennen, erscheint zur Konferenz.

(10485 byte) Joachim Sobotta, Chefredakteur der "Rheinischen

Post". Photo von Dirk Reinartz

Frisch vom Frühstückstermin eines Karnevalsvereins. Die Konferenz zieht er durch wie die Bekanntgabe eines Tagesbefehls: Zehn Minuten Blattkritik durch einen eigens angereisten Redakteur aus einer der 28 Lokalredaktionen gehören zur Tagesroutine. Keine Dis- kussion, keine Widerrede. Die Kritik an dem "ausgesprochen häßlichen Photo des singenden SPD-Ministerpräsidenten Rau" verhallt unkommentiert. Eine Kritik an Sobottas Leitartikel findet nicht statt. Anläßlich des Weizman-Besuchs hatte der Chefredakteur die Sicht des israelischen Präsidenten auf das heutige Deutschland getadelt: Antisemitische Äußerungen seien "nicht deutsche Wirklichkeit". Nach einer knappen halben Stunde ist das Blatt von heute verdaut, das von morgen im Kochtopf.

Die Rheinische Post, die in ihrem Einzugsgebiet zwischen Kleve und Leverkusen mehr Exemplare verkauft als die Frankfurter Allgemeine im gesamten deutschsprachigen Raum, feiert dieses Jahr fünfzigsten Geburtstag und mit ihr 43 andere Zeitungen. Nicht unbedingt ein Grund zum Feiern, denn die Auflage der Jubilare sinkt, im Durchschnitt um anderthalb Prozent pro Jahr. Ein Anlaß, das Innenleben einiger dieser Jubelblätter zu erforschen, die im Westen, Süden, Osten und Norden Deutschlands erscheinen. Viele besitzen die Monopolstellung in ihrer Region, und alle zusammen bringen es auf eine Auflage von mehr als achtzehn Millionen Exemplaren pro Tag, weitaus mehr als alle überregionalen Blätter, die zusammen nur anderthalb Millionen verkaufen. Nicht zuletzt deshalb stellt sich die Frage, ob die größere Masse nicht auch einen größeren Einfluß auf die Meinungsbildung im Lande ausübt.