Hans-Joachim Müller: "Leibchiffren der Kunstseele", ZEIT Nr. 13

Aus der Besprechung geht hervor, daß der Autor von der österreichischen Malerei nach 1945 nicht allzuviel hält. Dies sei ihm unbenommen, jedoch hätte der Leser ganz gerne gewußt, warum eigentlich. Statt dessen konfrontiert er uns eingangs mit einer Rätselfrage, einen geheimnisvollen Maler betreffend, der "schlenzte den Pinsel auf die Leinwand", starb sodann, und die jetzigen Bilder erinnern "noch immer an die Krisen der vorformigen Welt". Tratschke mag wissen, was das soll. Satire, Ironie, tiefere Bedeutung? Ferner erfahren wir, daß Arnulf Rainer einstens verschlampt, übernächtig und zerknirscht daherkam, heute jedoch gesittet in Schlips, Anzug und Krawatte auftritt, daß Otto Mühl im Gefängnis sitzt und warum das so ist, daß Müller sich unnötigerweise vor Nitsch gefürchtet hat und daß der arme Handke aus Trotz nicht mehr schreiben will und dergleichen Tratsch mehr. Nun ja, der Norden ist oben, und der Süden ist unten, was Wunder, wenn unsere merkwürdige, oft nicht recht verständliche Welt manchmal von oben her angeschaut wird, mit inniger Bewunderung, wie der Rezensent, ein begnadeter Ironiker, vorgibt. Wir werden es schon aushalten, wie wir auch solch merkwürdige Kunstbetrachtungen in der ZEIT überstehen werden.

Paul Flora, Innsbruck