Er ist einer der großen Gelehrten dieses Jahrhunderts. In Deutschland kennen ihn nur ein paar Spezialisten. Ich wollte Giovanni Macchia kennenlernen, ihn fragen, was er, ein vierundachtzigjähriger Mann, der sich fast monatlich in Tageszeitungen zu Worte meldet, erwartet von dem neuen Europa. Wissen wir weniger von dem, was heute in Paris diskutiert wird, als ein Abonnent der Briefe des Baron Grimm im 18. Jahrhundert, oder wissen wir mehr? Ist es gut, einander zu kennen? Oder erschlagen Nachbarn einander nicht ebenso begeistert wie Fremde? Wenn er jung wäre, würde er heute auch wieder nach Frankreich sehen oder lieber nach Japan, China oder ...?

Giovanni Macchia ist ein Connaisseur in Sachen gescheiterte Hoffnungen.

Seine Essays sind kleine, kunstvoll abgesteckte Claims, in denen luzide ein Thema, ein Gesichtspunkt entfaltet wird. Es geht darin fast ausschließlich um Literatur und Musik. Die Wirklichkeit wird nie direkt angesprochen. Aber sie ist in fast jeder Zeile dabei.

Der Leser spürt, daß Rivarol, de Maistre, Figaros Lachen und de Sades Höllen keine Kuriositäten der Weltgeschichte sind, sondern daß sie ihm helfen können, auch jenen Abschnitt, dem er gerade noch entkommen ist und in den zu geraten er immer wieder Gefahr läuft, besser zu verstehen. Italo Calvino hat darauf hingewiesen, wie sehr diesen Gelehrten Katastrophen interessieren. "Le rovine di Parigi" seien, so schrieb der italienische Autor, auch ein wenig das Buch, das Walter Benjamin in seiner Passagenarbeit nur als Ruine hinterlassen habe. Zu alldem wollte ich Giovanni Macchia befragen.

Im römischen Telephonbuch fand ich zwei Giovanni Macchias. Gleich beim ersten war ich richtig. "Ja, hier ist die Wohnung des Autors der ,Rovine di Parigi`", erklärte mir die Haushälterin, aber "der Professor ruht, rufen Sie um fünf noch einmal an". Um fünf ein brüchiges "Pronto", die schnell in die Höhe kippende Stimme eines alten Mannes, der, nachdem ich ihm erklärt hatte, was ich wollte, kichernd sagte: "Nein, ich bin nicht der Professor. Ich bin sein Sekretär. Nein, es hat keinen Sinn, daß Sie mit dem Professor sprechen wollen. Er hat keine Zeit."

Ich hänge ein und sehe ihn lachen. Gleich danach wird Giovanni Macchia seine Freunde anrufen und ihnen erzählen, was für einen Jux er sich gemacht hat.