Monrovia, August 1995: Tanzende Menschen in den Straßen, Freudengesänge, Friedenstaumel. Endlich, der Bürgerkrieg in Liberia ist vorbei!

Monrovia, April 1996: Leichen in den Straßen, brennende Ruinen und Gewehrsalven. Der Krieg ist zurückgekehrt.

Zur Erinnerung: Das Blutvergießen begann am Heiligen Abend 1989.

Eine Rebellentruppe, angeführt von Charles Taylor, fiel in das Land ein, um den tyrannischen Präsidenten Samuel Doe zu stürzen.

Der Diktator wurde 1991 ermordet; Liberia, gegründet 1847 von Sklaven, die in Amerika freigelassen worden waren, zerfiel unter der Schreckensherrschaft von Kriegsfürsten. 150 000 Menschen kamen um, die Hälfte der Bevölkerung floh. Die Nachbarstaaten entsandten die Interventionstruppe Ecomog, benannt nach der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas (Economic Community of West African States). Ihr gelang es schließlich, einen fragilen Frieden herzustellen.

Nach dem Waffenstillstand im Vorjahr bildeten sechs Männer eine Übergangsregierung. Sie gelobten Frieden und Demokratie; im kommenden August sollte gewählt werden. Aber die selbsternannten Staatsräte blieben, was sie immer schon waren: wölfische Kriegsherren. Einer der zweitrangigen Wölfe, der mit dem Posten des Landministers abgespeiste Roosevelt Johnson, wurde hinausgebissen. Taylor, der mächtigste im Regierungssextett, wollte ihn wegen Mordverdachts verhaften lassen. Johnson trommelte seine Landsknechte zusammen, eroberte eine Kaserne in Monrovia, nahm Ecomog-Soldaten und Zivilisten als Geiseln und überzog die Hauptstadt mit Terror. Blutjung, schwer bewaffnet, enthemmt durch Alkohol und Drogen, nur den Raubgesetzen ihres Führers verpflichtet: So beschreibt ein Augenzeuge die Kämpfer.

Die Menschen fliehen in alle Winde. Rund 20 000 suchen Schutz auf einem Gelände neben der amerikanischen Botschaft. Hunger und Seuchen drohen. Seit Tagen läßt Washington Amerikaner und Europäer per Hubschrauber aus dem Inferno holen. Sie verlassen ein Land, das nun zu dem geworden ist, was ihm ein Diplomat prophezeite: "Ein Friedhof voller gescheiterter Hoffnungen."