Mit den Geheimtips ist das so eine Sache. Kaum hat man in größerer Runde die Adresse seines Lieblingsitalieners verraten, gleich rennt alles hin und verdirbt die Preise. Romantische Landhotels, verschwiegene Spazierwege, einsame Strände - zufällig entdeckt, unvorsichtigerweise nicht dichtgehalten, und vorbei ist's mit Ruhe und Anonymität. Bereits beim nächsten Aufenthalt an einem dieser idyllischen Orte läuft einem die Nachbarsfrau aus dem vierten Stock über den Weg.

Ja, wir können ein Lied singen von solchen zum Glück nur sporadisch auftretenden, dafür aber äußerst folgenschweren Blackouts. Hatten wir nicht jahrelang die Adresse des Lieblingsferienhauses auf Mallorca geradezu geheimdienstmäßig gehütet? So lange, bis uns jemand austrickste, wir für einen Moment schwach wurden und unser gesamtes Insiderwissen ausposaunten, einschließlich Telephonnummer?

Logisch, daß das Haus von Stund an dauernd belegt war und wir uns nach einem anderen Quartier umsehen mußten.

Ein heilsamer Schock, natürlich. Darum wird uns künftig nicht mal die chinesische Wasserfolter zum Reden bringen. Insbesondere was Mallorca, unsere arg gebeutelte Trauminsel, betrifft. Dort gibt es tatsächlich noch so ein, zwei versteckte Plätzchen, die außer uns und ein paar Dorfkindern kein Mensch kennt. Eine winzige, einsame Bucht beispielsweise, verborgen hinter Pinien- und Steineichenwäldern und hundertjährigen Olivenbäumen ... Schluß jetzt, mehr zu sagen wäre gefährlich.

Moment mal. Hundertjährige Olivenbäume? Steineichenwälder? Einsame Buchten? Das haben wir doch gerade irgendwo gelesen. Überschrift: "Das andere Mallorca". Sollte uns da womöglich jemand auf die Schliche gekommen sein?

Allerdings. Der Reiseveranstalter Neckermann, der sich offensichtlich aufmacht, auch noch dieses empfindliche Terrain zu beackern. Einigermaßen verblüffend, nicht wahr, daß ausgerechnet ein Miterfinder des sogenannten Massentourismus plötzlich unbedingt "hinter die Kulissen" desselben blicken muß.

Man braucht nur wenig Phantasie, um sich die Auswirkungen solcher Entdeckertouren vorzustellen. Ganze Heerscharen dürften nun ihr angestammtes Domizil in Arenal oder ähnlich gearteten Vergnügungshochburgen verlassen und kollektiv in Gegenden "abseits der belebten Strände" ausschwärmen. Oder, ein weiteres Highlight der "Sonderflugreise", "herrschaftliche Paläste und abgeschiedene Klöster" abklappern sowie "alte Landhäuser" in Besitz nehmen. Leicht zu erraten, was da auf einen zukommt. Karawanen von Reisebussen nämlich und lausige Zeiten für uns Individualurlauber.