Rußland soll den Schatz des Priamos wieder herausrücken. Unrechtmäßig erworbenes Beutegut sei das. Die bronzezeitlichen Schmuckstücke, die, in drei kleinen Kisten verstaut, die Bombardierung Berlins am Bahnhof Zoo überdauerten, sollen endlich wieder dorthin, wo sie hingehören: in das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte.

Die russische Armee mag die kostbaren Stücke ein paar Jahre lang zu Recht in Verwahrung genommen haben, aber jetzt gehört der Schmuck wieder in die Vitrinen seines Eigentümers. So hört man es mehr oder weniger empört aus allen Richtungen.

Die russischen Behörden haben jahrelang nicht nur verschwiegen, daß sie einen der bedeutendsten archäologischen Funde im Moskauer Puschkin-Museum verstecken, sie haben auch, als das Gerücht aufkam, daß man ihn dort finden könnte, heftig dementiert. Ja, selbst als Boris Jelzin sich verplapperte, leugneten die Museumsleute noch.

Die rechtliche Lage ist eindeutig. Kulturelle Güter sind keine Kriegsbeute, sie dürfen auch nicht als Entschädigungen einbehalten werden. Das ist nicht nur geltendes Völkerrecht, sondern so steht es auch im deutsch-russischen Vertrag von 1990.

Allerdings sollten deutsche Stellen nicht gar zu vehement auf ihren Rechten bestehen. Es wäre denkbar, daß die von Nazideutschland überfallenen Staaten auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion auf die Idee kommen könnten, eine Gegenrechnung aufzustellen.

Da würde von deutschen Ansprüchen nichts übrigbleiben. Ukrainer und Russen mögen keine säuberlich geführten Verzeichnisse ihrer Kunstschätze haben, um sie bei Expertensitzungen ihren deutschen Kontrahenten vorzulegen, aber wo ganze Landstriche ausradiert wurden, da geht es um mehr, als sich in drei handlichen Holzkisten unterbringen läßt.

Die Aufregung um den Troja-Schatz entbehrt nicht der Komik. Was ist Beutekunst? Heinrich Schliemann schmuggelte seinen Fund aus der Türkei und brachte ihn heimlich nach Griechenland. Dort wurde dem Hobbyarchäologen der Prozeß gemacht. Er sollte dem kaiserlichen Museum in Konstantinopel 10 000 Franc zahlen für den Raub, den außer ihm niemand gesehen hatte. Schliemann überwies großzügig 50 000 Franc. Er selbst schätzte damals den Wert der Stücke auf eine Million Franc. Ist das Betrug? Beuteglück? Oder ganz normales Geschäftsgebaren? Die Hohe Pforte nahm es jedenfalls nicht übel und genehmigte dem amerikanischen Staatsbürger Heinrich Schliemann neue Ausgrabungen in Troja.