Alles dreht sich um das Bett. Es ist ein stabiles, bäuerliches Kastenbett mit hoch aufgetürmten Plumeaus, feste Burg für die einen, Objekt der Begierde den anderen. Allerhand Mordwerkzeug ist darin versteckt, Duellpistolen und spitze Scheren. Hier geht es um Liebe und Ehre, kurzum: darum, wer mit Luisen zu Bette darf.

Sie selbst hat nicht viel dazu zu sagen. Sie ist nur Verhandlungsmasse.

Insofern ist die Signorina Miller aus Guiseppe Verdis Oper von der Mamsell Luise Millerin aus "Kabale und Liebe" so verschieden nicht, wie oft behauptet wird. Verdi und sein Librettist Salvadore Cammarano haben zwar erheblich herumgeschnitzt an Schillers bürgerlichem Trauerspiel, sie mußten schließlich ein opernfähiges Libretto daraus machen. Alle Rhetorik, die sich nur im Dialog entfaltet, war zu streichen, die Hauptfiguren mit wenigen, charakteristischen Gesten zu umreißen. Dabei sind die kritischen Spitzen der Vorlage nicht notwendig mit über Bord gegangen, wie neuerdings in Frankfurts Oper zu sehen war: Christoph Marthaler hat dort zusammen mit seiner Ausstatterin Anna Viebrock und dem Frankfurter Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling eine wundersame Neuinszenierung von "Luisa Miller" herausgebracht, die beweist, daß der alte Kolportageplot um Machtgelüst, Biedersinn, Intrige und ein nettes, junges Pärchen, welches all dem zum Opfer fällt, auch heute noch Verst and wie Herz packen kann - das Stück wirkt, egal ob im scharf geschneiderten Schiller-Sprachkostüm oder im üppig fließenden Sehnsuchtsrock der Musik.

Gleich von der ersten Szene an knistert die Spannung zwischen dem romantischen Furor, der drunten im Orchestergraben stürmt, und der dunklen, engen Bühnenbretterwelt droben. Viel Spielraum bleibt den Sängern nicht: Hohe Wände bilden einen kleinen Innenhof.

Parterre wohnen die Millers, im ersten Stock der Adel, unten gibt es nur das Bett, einen Sockel und einen Wandschrank, oben die Domestiken und Jagdtrophäen zu sehen. Doch diese schlichte Opernwelt ist nicht ganz dicht. Da fällt manchmal blaues Gespensterlicht von oben ein, plötzlich werden die Fenster hell unterm Dach, wo niemand mehr wohnt. Mauern kriegen Türen, ganze Wände schweben rauf oder runter, und auf einmal tritt einer still durch den Schrank auf oder auch ab. Zur rechten und zur linken Seite wird, wenn die Wände schwinden, die Gesellschaft sichtbar, die diese enge Spießerwelt zuläßt und goutiert. Eine Kaffeehausgesellschaft: Der Fernseher läuft, man quatscht, trinkt, liest, strickt und guckt sich die Sache nebenbei an. Jeder einzelne Chorist ist der perfekte Voyeur. Der Opernchor in summa: die Bestie Publikum.

Und der Bestie zum Fraße vorgeworfen: diese abscheuliche, triviale Geschichte.

Allerdings springt die Musik mit den Pointen viel gnadenloser um, als in Worten möglich. Bei Verdi fehlen viele kleine Bindeglieder, die das Grauen bei Schiller plausibel und damit erträglicher machen. Das Quartett im zweiten Akt, a cappella, ohne tröstende Stütze des Orchesters gesungen, führt nacktes Entsetzen vor: Luisa verzweifelt, Frederica verwirrt, Wurm und Walter triumphierend.