Heidelberg! Das Schloß! Goethe! Marianne! "Euch grüß ich, weite lichtumfloßne Räume ..." Frühlingswind in alten Bäumen, die Knospen erschauern, und blau strahlt der Himmel durch die leeren Fensterhöhlen der prachtvollen Fassade. Ein Transparent leuchtet von dort, vom einzig erhaltenen untersten Geschoß des Ottheinrichsbaus in den Schloßhof herab: "Wahnsinnige Schönheit".

Wahnsinnige Schönheit, fürwahr, unverwüstlich selbst unter dem Staunen von schätzungsweise fünfhundert Billionen Touristen pro Tag - der ewige Zauber Heidelbergs. Doch das Transparent wirbt für anderes: für eine Ausstellung mit der Kunst von Geisteskranken, Kunst aus der weltberühmten Sammlung Prinzhorn. Kurz nur, keinen Monat, und arg reduziert macht sie Zwischenstation auf dem Schloß, nachdem sie den Winter über im belgischen Charleroi zu sehen war und im Sommer vom Lausanner Musée de l'Art Brut gezeigt werden wird. Und dabei gehört diese an die sechstausend Werke reiche Sammlung natürlich nach Heidelberg, und zwar in ein eigenes Haus; denn hier ist sie von Wissenschaftlern der psychiatrischen Uni-Klinik in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts, bis zum Beginn der Nazizeit, zusammengetragen worden, und hier lagert sie, seit dem Ende der Nazizeit, im universitären Depot.

Ja, unfaßbar, aber wahr, und da endet der ewige Zauber Heidelbergs und beginnt ein ziemlich profaner Skandal, wie er so typisch ist für Deutschlands enge Professorenstädtchen: Die berühmteste Sammlung wahnsinniger Kunst liegt seit Adenauers Zeiten im Depot und kann öffentlich nur dann und wann in Ausstellungen betrachtet werden, hierzulande gab es zuletzt vor fünfzehn Jahren diese Möglichkeit.

Trotz unablässigen Drängelns und Debattierens, trotz internationalen Engagements rund um den Globus, ist es bis heute nicht gelungen, die Universität und vor allem das Land Baden-Württemberg als Herrn der Universität für die Einrichtung eines Hauses, eines Museums zu gewinnen. Und das, obwohl ein geeignetes Gebäude, ein alter Hörsaalbau, längst bereitsteht und die Umbaukosten nicht eben exorbitant zu nennen sind für ein Unternehmen dieser Art. Für ein Objekt, das, um es einmal ganz ministerialratskompatibel und faßlich zu formulieren, inzwischen selbst etliche Millionen Mark wert sein dürfte. Standort, Horatio! Standort!

Aber dies nur für die betreffenden Verantwortlichen zur Wiedervorlage.

Jedem verständigen Menschen und Bürger hingegen ist die Sammlung unersetzlicher Schatz an sich. Was der Leiter der Heidelberger Uni-Psychiatrie Karl Wilmanns und vor allem sein expressionistischer Assistenzarzt Hans Prinzhorn Anfang der zwanziger Jahre an Graphiken, Gemälden, Stickereien, Plastiken, Collagen, Partituren und anderen Texten aus den Heil- und Pflegeanstalten Mitteleuropas zusammengetragen haben (nachdem schon 1909 ein Vorgänger Wilmanns', Emil Kraepelin, mit dem Sammeln begonnen hatte), wirkt auf den faszinierten Betrachter heute wie ein Spiegelkabinett, wie ein zeitverdreh ter Echoraum gegenwärtiger Weltkunst: Hier Niki de Saint Phalle (Gustav Sievers herrliche Nanas hoch zu Rad!), dort Cy Twombly, hier, auf den ersten Blick, die versonnenen Datumsreihen Hanne Darbovens (der Kalendervirtuose Josef Heinrich Grebing!), dort die Plakatkunst Jan Lenicas.

Innig mal und mal zornexplosiv, dann wieder selbstzerstörerisch oder qualvoll belustigt, voll wirren Witzes und todtraurig, entfaltet sich, rätselhaft inspiriert, eine bizarre Blumenwiese aus Kunsttrieb und Raserei. Ob Zwang gehorchend, monoton, ob souverän gestaltend, wie zum Beispiel der Maler Karl Bühler - jedes Werk leuchtet wundersam für sich, erklärt mit schwer zu deutenden Zeichen und Gesten ein unverstandenes Leben. Seelenmagma, Urstrom des Empfindens.