In der Washingtoner Georgetown-Universität, Abteilung Neurobiologie, laufen 77 numerierte Ratten in Käfigen herum. Einige humpeln dabei deutlich, andere bewegen sich normal. Hirnforscher von der Universität in Zürich haben den meisten Nagern das Rückenmark verletzt, sie mit verschiedenen Methoden behandelt und dann nach Übersee verschickt.

Die US-Forscher, die nun die Versuchstiere vier Wochen lang an Hindernissen testen, wissen jedoch nicht, welcher Nager welche Behandlung hinter sich hat. Nach der Versuchsreihe ist die Überraschung perfekt: Eine Tiergruppe besteht eine Reihe von Tests, obwohl sie querschnittgelähmt sein müßte.

"Unser Ergebnis ist für die zukünftige klinische Anwendung bei querschnittgelähmten Menschen sehr wichtig", freut sich Martin Schwab, Leiter der Züricher Arbeitsgruppe. Erstmals gelang es, Nerven im Rückgrat von Wirbeltieren nicht nur nachwachsen zu lassen, sondern auch zu zeigen, daß die neu entstehenden Fasern sinnvolle Kontakte knüpfen. Andernfalls hätten die Ratten nie mehr richtig laufen gelernt.

Forscher aus aller Welt arbeiten fieberhaft an einer möglichen Regeneration von Rückenmarkzellen. Zusammen mit Arbeiten des kanadischen Hirnforschers John Steeves, der Nerven im Rückgrat von jungen Hühnern nachwachsen läßt, markieren die Ergebnisse Schwabs und seiner US-Kollegin Barbara Bregman den vorläufigen Höhepunkt dieser Anstrengungen. Sie wollen ein tragisches Dogma der Neuromedizin beseitigen: Querschnittlähmungen gelten als unheilbar; zerstörte Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark wachsen nicht wieder zusammen.

Allein in Deutschland leben 15 000 Querschnittgelähmte, die sich etwa beim Kopfsprung in flaches Wasser oder bei einem Verkehrsunfall die Wirbelsäule brachen. Das von ihr geschützte Rückenmark wurde dabei durchtrennt. In den Körperteilen unterhalb der Verletzung können die Gelähmten weder Muskeln bewegen noch Sinneseindrücke wahrnehmen.

Bei künftigen Verunglückten wächst jetzt die Hoffnung zumindest auf eine Linderung der Unfallfolgen. Weil Nerven außerhalb von Hirn und Rückenmark meistens gut regenerieren, fragen sich Neurowissenschaftler schon lange: Was ist anders an den Nerven, die nicht nachwachsen wollen? Womöglich bieten sich zwei Lösungen: So gibt es einerseits eine ganze Reihe von Substanzen, die beim Embryo die Nervenentwicklung regeln und bei Erwachsenen beschädigte Nervenzellen im Körper nachwachsen lassen. Zum Leidwesen der Rückgratverletzten kommen diese Neurotrophine aber im Gehirn und Rückenmark kaum vor. Zum anderen existieren Stoffe, die das Nervenwachstum im Rückenmark hemmen. Sie sitzen auf der Oberfläche sogenannter Myelinzellen, die zwischen den Nerven wachsen, sie schützen und von ihren Nachbarn isolieren.

Mit Hilfe eines Antikörpers namens IN-1 blockierten die Züricher Hirnforscher in Ratten diese Hemmstoffe der Myelinzellen. Daß zumindest ein Teil der verletzten Nerven danach wieder wächst, war schon länger bekannt. Doch erstmals konnte die Gruppe um Schwab die Methode an lebenden Tieren testen und überprüfen, ob die regenerierten Nerven auch wieder ihre ursprünglichen Funktionen übernehmen.