KÖLN. - Der Rheinländer hat ein stabiles Weltbild. Lebensweisheiten wie "Et hätt' noch immer jotjejange" (es ist noch immer gutgegangen) und "Et kütt, wie et kütt" (es kommt, wie es kommt) sind Eckpfeiler einer Haltung, die auf den ersten Blick Gleichgültigkeit zu verraten scheint, in Wirklichkeit aber viel mit Lebenskunst zu tun hat.

Schwerwiegende Veränderungen sind anstrengend und deshalb unerwünscht, ändern kann man doch nichts, am besten bleibt alles, wie es ist.

Auch bei der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit triumphiert in Köln und Umgebung rheinische Gelassenheit. An schönfärberischen Legenden ist kein Mangel: Hitler habe die Stadt gemieden (was nicht stimmt), die NSDAP bei den Wahlen kein Bein auf den Boden bekommen (bereits im März 1933 war sie stärkste Partei im Stadtrat), und überhaupt: Das Schlimmste am Krieg war die Zerstörung der herrlichen Altstadt.

So haben sich die Stadtväter mit Sicherheit nichts Böses dabei gedacht, als sie vor mehr als dreißig Jahren die Straße, an dem die Deutsche Sporthochschule liegt, nach dem verstorbenen Hochschulgründer Carl Diem benannten. Daß der Organisator der Olympischen Spiele 1936 in Berlin seine Schaffenskraft zwölf Jahre lang den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt hatte, konnte die Kölner Beamten nicht schrecken.

Schließlich war Carl Diem, wie viele andere Mitläufer auch, im Nachkriegsdeutschland wohlgelitten und am Wiederaufbau des Landes beteiligt. Die Grünen im zuständigen Bezirksparlament wollen nun den Carl-Diem-Weg so schnell wie möglich loswerden. Das riecht nach Ärger und Schwierigkeiten, was in Köln keiner recht mag.

Deshalb wurde von der Hochschulverwaltung schnell eine sporthistorische Untersuchung über Diems Rolle im Dritten Reich in Auftrag gegeben, die sich nach einer Gesamtbetrachtung des "verdienstvollen Lebenswerkes" gegen eine Umbenennung ausgesprochen hat. Es bleibt also beim Carl-Diem-Weg.

Am 21. April erhält die Straße einen neuen Anlieger. Ein fünfzehn Millionen Mark teures Radstadion wird eröffnet, die Bahn erhält den Namen eines Sportlers, der 1940 von der Gestapo umgebracht wurde: Albert Richter. Der Sprintweltmeister konnte sich mit der Politik der Nationalsozialisten nie anfreunden und "vergaß" bei Siegerehrungen grundsätzlich den deutschen Gruß. Die Treue zu seinem jüdischen Manager Ernst Berliner wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Beim Versuch, dem in die Schweiz emigrierten Freund Geld zu bringen, wurde Richter in Lörrach verhaftet und kam im Gefängnis um. Ein Bekannter hatte ihn vorher bei der Polizei angezeigt.