Atempause. Kurzer Halt im engen, mit Menschen und Bildern vollgestopften Saal. Ein Ehepaar schiebt sich vorbei; der Mann stutzt: "Hier, diese Landschaft, das kenne ich!" Und zeigt mit dem Finger auf Rouen: "Rouen, Blick von den Hügeln oberhalb der Stadt", 1829 bis 1834, eine Leihgabe aus Hartford, Connecticut. Vorn ein Bauernkarren, vierspännig, hügelaufwärts kriechend, dahinter, im Flußtal, die Kathedrale im Häusergrau. Der fahle Himmel, die scharfe Linie des Horizonts. Ein Gelb, ein Grün, ein Bleiweiß vorbeigesendet, von links nach rechts und über das Bild hinaus. Im Staub der Landstraße die Signatur: Corot.

"Das kenne ich!" Und woher? Von überallher. Wenn Kunst nur eine Infektion ist, wie es in Alan Rudolphs "Moderns" heißt, dann ist Corot eine Epidemie. Kein Kaufhaus, das nicht in der Kunstabteilung ein paar Pseudo-Corots hängen hätte, kein Volkshochschul-Malkurs, in dem man nicht lernte, Corot-Gebüsch und -Gebäum in Öl zu massieren.

Seine Landschaften gehören zur eisernen Ration, zum Stereotypenbestand der Moderne, wie Cézannes Äpfel, Monets Gärten, Marcs Tiere, Feiningers Prismen. Corots eigene Praxis, Werke von Schülern zu signieren und Selbstgemaltes ungezeichnet zu hinterlassen, hat die Klischeebildung noch beflügelt. Von den dreitausend Bildern, die er gemalt habe, hingen zehntausend in Amerika, sagt ein Auktionistenwitz. So hat der Maler, der vor den Fabriken in die Wälder floh, zuletzt doch eine Industrie gegründet, zum Schaden seiner Kunst. Kennen Sie Corot?

Zweimal Narni: das Tal der Nera, die zerbrochene Römerbrücke, im Hintergrund der Appennin. Zuerst die "Studie", mittleres Format, am Ort gemalt - die Wege leicht und hell, die Büsche hingetupft, das Schattenblau des Wassers zwischen den antiken Pfeilern, der gelbe Himmelsdunst über den Bergen. Spätsommertag in Umbrien, 1826: "Ich habe bemerkt, daß alles, was ich auf den ersten Anhieb machte, viel freier, viel schöner in der Form war ..." Und dann das "fertige" Atelierbild, Großformat, für den Salon von 1827: vorn Hirten und Ziegen, dahinter ein Wäldchen, die Bäume "ausgemalt" und steril, die Brücke fern und kalt, der Fluß in Fels und Moos verloren. Man sieht Poussin, Lorrain, die Niederländer, dazu Corots eigene Lehrer Bertin und Michallon."Herr Corot, 221-222, gut in der Farbe, pikanter Effekt, durchsichtige Wirkung. Wir fordern ihn auf, besser zu zeichnen ..." So schrieb damals ein Rezensent.

"Le Pont de Narni": ein unsterbliches Bild und ein sterbliches.

Aber Corot will in den Salon, wo Lügen von Ingres, Gros, Vernet verkauft werden, er unterwirft sich dem Akademiegeschmack, der die Historie über die Landschaft, das erzählende über das sprechende Gemälde stellt. Zwanzig Jahre lang buhlt er verbissen um die Anerkennung der Kunstgreise, mit biblischen, homerischen, idyllischen Szenen.

Zweimal bekommt er eine Medaille zweiter Klasse, schließlich, nach der Februarrevolution von 1848, wird er selbst in die Salonjury gewählt. Die klassizistischen Großväter haben ihn gequält, nun quält le père Corot am selben Ort seine Bastardsöhne, die Impressionisten.