Ein Äquivalent für die Landung auf dem Mond wird gesucht. So urteilt der amerikanische Ökonom Lester Thurow beim Nachdenken über die Zukunft des Kapitalismus und die Zeiten, in denen Wachstum herrscht, aber die Arbeit dennoch abnimmt. Tatsächlich muß man sich die dramatischen Veränderungen, denen die Bundesrepublik derzeit unterworfen ist, in diesen Dimensionen vorstellen.

Zur Debatte stehen nicht allein Einsparungen von weiteren fünfzig Milliarden Mark in Bund und Ländern - bei weit über vier Millionen Arbeitslosen, bei über acht Millionen "Unterbeschäftigten". Zur Debatte steht der Gesellschaftsvertrag, der de facto abgelaufen und neu zu schließen ist. Im Prinzip gilt das für alle westlichen Industriegesellschaften, auch wenn das Sozialleistungsniveau, samt den Kosten, hierzulande höher liegt als in manchen anderen Ländern. In Schweden, das jetzt wie Österreich unter sozialdemokratischer Regie, eisern spart, gibt es schon seit langem einen Karenztag und niedrigere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Hier undenkbar?

In diesem Veränderungszwang steckt eine riesige Herausforderung für alle, die darauf nicht nur nach neoliberalen Begriffen reagieren möchten, nicht nur mit dem verführerischen Charme einfacher Antworten auf komplexe Verhältnisse. Ist wirklich nichts Attraktives jener Botschaft entgegenzusetzen, wonach wir irgendwie alle, jedenfalls die Starken und Kreativen, zu Gründern oder Unternehmern werden sollten, die wagemutig und gewappnet mit Handy aufbrechen in die Welt?

Sicher hat dieses Leitbild etwas ansteckend Optimistisches. "How to get rich quick", solche Titel strahlen einem auf internationalen Magazinen entgegen. Zum Beispiel: Marc Andreessen, Palo Alto, Firma Netscape, Aktienwert 131 Millionen Dollar, 24 Jahre. Darin kehrt er wieder, der Traum von der Tellerwäscherkarriere im Zeitalter der nächsten industriellen Revolution.

Auch in der Kritik des republikanischen Führers im amerikanischen Repräsentantenhaus, Newt Gingrich, am alles erdrückenden Steuerstaat und dem big government fand sich etwas von solchen Aufbruchshoffnungen. Aber reichen die amerikanischen oder deutschen neoliberalen Angebote, um moderne Gesellschaften zusammenzuhalten? Wenn nicht alles täuscht, zucken die Amerikaner vor Gingrichs radikaler Revolution zurück. In die Freude über die vielen neugeschaffenen Jobs mischen sich besorgte Fragen. Zum Beispiel die Lester Thurows, wie weit eine Gesellschaft "in Richtung Ungleichheit gehen und dennoch die Demokratie bewahren" könne.

Modell Amerika? Auch Konservative beginnen, über den "Turbokapitalismus" zu klagen. Er zerreiße Gesellschaften, die sich dem Veränderungsdruck nicht mehr anpassen könnten, und mache das Leben unplanbar. Das Lamento über den Sozialstaat, der "das größte Tabu unserer Zeit" sei, gibt es bei uns schon lange. In Wahrheit gilt es nicht mehr. Aber der Vorwurf wird nun verschärft, die Gesellschaft flüchte jetzt auch noch aus Angst vor den Lasten der selbstgewählten Individualisierung neu in die Sozialstaatsgeborgenheit. Der Wunsch klingt dabei durch, die Leute dafür klammheimlich zu bestrafen. Und umgekehrt wird gefragt: Wenn bloß die shareholders - die Aktionäre - auf den globalen Finanzmärkten vom modernen Kapitalismus profitieren, wen sonst soll man dafür erwärmen können? Sicher haben die Gesellschaften ohne Sozialstaat am ehesten Wachstum und Jobs geschaffen. Und dennoch verraten die Sozialstaatsberichte aus jüngster Zeit, wie sich aus allen Richtungen die Mahnungen mehren, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten. In Großbritannien haben im vorigen Jahr 32 000 Patienten länger als ein Jahr auf eine Operation gewartet. Die hohe Zahl befristeter Arbeitsverhältnisse verknüpft sich mit anhaltend niedrigem Lebensstandard.