Im Sog des Milleniums erleben Trend- und Zukunftsforschung eine beachtliche Konjunktur. Immer schneller werden neue Prognosen publiziert; die Zukunft wird in Gestalt fröhlich bunter oder katastrophisch düsterer Szenarios erfolgreich vermarktet. Einmal heißt es "Das 21. Jahrhundert: Faszination Zukunft" (Geo-Extra), dann wiederum "Endzeit-Angst. Countdown zur Jahrtausendwende" (Spiegel). Dabei fällt auf, daß nahezu jede Sparte unserer Lebenswelt futurisiert werden kann: Die Zukunft der Gentechnik läßt sich ebenso interessant ausmalen wie die Zukunft des Reiseverkehrs, die Zukunft der Landwirtschaft ebenso wie die Zukunft der Medien, die Zukunft des Weltklimas ebenso wie die Zukunft des Städtebaus. Die Frage nach der Zukunft der Mode wirkt nicht weniger attraktiv als die Frage nach der Zukunft der Arbeit ("New Work"), der Erotik, der Religion, der Medizin oder der Ökologie. "Zeig mir die Zukunft!" nannte die Woche eine Extrabeilage - und berichtete über die Zukunft der Politik, der Seuchen und Krisenherde, der Cyborgs, der Schule, der Familie, der Kriege, der Dienstleistungen und des Sports.

Nur von der Zukunft kultureller Orientierungen will das Massenpublikum offenbar wenig wissen. In diversen Sonderheften zur Jahrtausendwende oder in den Bestsellern über die aktuellen "Megatrends" habe ich kaum eine Zeile gefunden, die von unserer kulturellen Zukunft handelt: von der Frage nach den künstlerischen Richtungen des 21. Jahrhunderts, nach künftigen Ausstellungs- oder Konzertpraktiken, nach den Theaterprogrammen, Romanen oder Filmstoffen, die demnächst Aufmerksamkeit erregen könnten.

Ein renommierter Zukunftsforscher wie Ervin Laszlo weiß bloß, daß wir neue Formen "kultureller Kreativität" entwickeln müssen. John Naisbitt und Patricia Aburdene versprechen zwar eine "Renaissance der schönen Künste", doch was sie tatsächlich dokumentieren, sind die steigenden Besucherzahlen von Museen oder Konzerten, die Wachstums- und Profitraten von Theater- oder Opernfestivals, die Rentabilität kultureller Initiativen - kurzum: eine kommerzielle Verwertbarkeit von massenwirksamen Kulturereignissen, die zunehmend günstigere Chancen auf Sponsoring durch die Industrie eröffnet.

Niemand fragt indes konkret: Was für eine Art von Musik wird im Jahr 2010 von den Radiosendern ausgestrahlt werden? Welche Art von Bildern oder Environments wird auf einer prospektiven Documenta im Jahr 2020 ausgestellt werden? Welche Art von Texten, Motiven und Themen wird im Jahr 2030 besonders viele Leser finden? Welche Bauformen, welche Designs und welche Filmgenres werden im Jahr 2040 prämiert werden?

Solche Fragen werden nicht gestellt, Antworten nicht erwartet. Dabei zählt die Spekulation über die "Künstler der Zukunft" zu den unverwüstlichen Pathosformeln der Moderne: Nietzsche, Benjamin oder Breton haben sie in jeweils originären Versionen artikuliert und - bei aller Vorsicht - die neuen Darstellungspraktiken und formalen Elemente künftiger Ästhetik prognostiziert und ausgemalt.

Inzwischen drängt sich jedoch die Schlußfolgerung auf, Kultur sei schlechthin unkalkulierbar. Während technische, wirtschaftliche oder ökologische Trends mit einer gewissen Plausibilität aus aktuellen Tendenzen abgeleitet und in die Zukunft hinein verlängert werden können, sind kulturelle Entwicklungen offenbar wesentlich kontingenter. Der Erfolg der Neuen Wilden kam für die Experten des Kunstmarkts ebenso überraschend wie der Erfolg von "Sofies Welt" für die Verlagsdirektoren. Daß ausgerechnet ein Film über Dinosaurier zum Kassenschlager werden könnte, hätte 1990 kaum jemand geglaubt; und der gigantische Erfolg von Musicals wie "Cats" oder "The Phantom of the Opera" ließ sich ebensowenig vorhersehen wie der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989.