Sie sitzen in einer formschönen Plastikschale. Aber nicht allein. Ein fremder Schenkel an Ihrem linken Bein. Eine fleischige Hand mit Ehering neben Ihrem rechten Ohr. Zwischen Ihren Knien ein rundes Knie von gegenüber. Ein nettes Knie. Mattweißer Seidenglanz im schwarzen Wildlederpumps. Daneben eine Aktentasche mit Brille und aufgeschlagener Zeitung. "Dieser Mann hat . . ." Abgeknickte Seite. Müde Augen lesen alles. Hinter Ihrem Rücken rasen Türhälften aufeinander zu und schmettern zusammen. Das Abenteuer Innenraum hat begonnen. Atem in Ihrem Haar. Vibrierende, rollende Bewegung von unten. Schneller. Schneller. Hermetisch verriegelt hinein in die untere Welt. Schwarze Tunnelwände wirbeln vorbei. Morgens zwischen sieben und acht, abends zwischen fünf und sechs: Stoßzeiten. Menschen in der U-Bahn. Warm und fremd. Zweimal am Tag kommen Sie hier unten minutenlang Ihren Zeitgenossen zufällig so nah wie sonst etwa im Lokal, im Warenhaus auf der Rolltreppe, im Kino. Nur daß man Sie jetzt, beim Hinsehen, unmittelbar erwischen kann.

Schleifendes Schneiden schrillt zwischen den Schienen. Druck. Gegendruck. Nachlassendes Tempo. Senfgelbe Kachelwände. Weißes Licht. Eine ältere Frau stemmt sich hoch. Sie greift hier- und dorthin, hält sich mit der einen Hand fest, die andere hat sie am Stockschirm. Sie kurvt im Halbkreis nach vorn. Sie schwingt im Halbkreis zurück. Und während der Zug unter ihr zum Stehen kommt, preßt die Zentrifugalkraft sie gegen Ihre Schulter und halbwegs auf Ihren Schoß.

Pfffchühhh. Die Zugtür atmet aus und öffnet sich. "Entschuldigen Sie, bitte", sagt die Frau, rappelt sich von Ihrem Knie hoch und drängt sich durch, dem Ausgang zu. Ein Hauch von Knoblauch und Amarige bleibt für Sekunden von ihr zurück. Sie werden sie nie wiedersehen. Und selbst wenn. Sie werden sie nicht wiedererkennen. So sind Sie. Und die anderen auch. Niemand wird Sie wiedererkennen.

Ovale Gesichter schieben sich herein. Aus Mänteln und Jacken steigt dunstige Wärme. Oben, auf der Erde, scheint es zu regnen. Hier unten wird innegehalten. Körperteile machen auf sich aufmerksam und werden abgewischt. Nasen. Hinterteile drängen sich aneinander. Was soll man machen? Gar nichts soll man machen. Man ist zusammen und noch nicht wieder unterwegs. Draußen verhallen Treter, Galoschen, Pumps. Drinnen kein Ton vor Abfahrt des Zuges. Gesprochen wird erst wieder in der Bewegung.

Zzzrrrikblainbittäh! Schmetternde Türen. Anrollen. Vibrieren. Verstärktes Tempo. Schneller. Schneller. Einer will raus: "Nächste müssen wir." Die Stimme gehört zu der fleischigen Hand neben Ihrem Ohr. Seit zwei Stationen schon etwas vertraut. "Ich weiß", nickt das mattweiße Seidenglanzknie im schwarzen Wildlederpumps und betrachtet sich im zitternden Spiegelbild der verschmierten Fensterscheibe. Die Hand und das Knie gehören zusammen.

Neben Ihnen entgleisen Züge. Der Mann ist neu. Er schläft. Seine Unterlippe zieht es in der Rechtskurve nach links. Inzwischen wurden Sie begutachtet. Zwei braune Augen liegen jetzt auf Ihrem Hals, wandern über Ihre Lippen hinauf, Ihre Nase entlang, sehen Ihren Blick, sehen, von Ihnen gesehen zu werden, und stürzen ab aus schwindelnder Höhe in Ihren Schoß. Sekunden später beginnt der Aufstieg der braunen Augen von neuem. Etappenkletterei auf Ihrer Person: Schoß, Bauch, Brust. Von dort direkt in Ihre Augen. Und wieder folgt der Absturz. Weil Sie nicht wegsehen. Sie sollen wegsehen. Sie denken gar nicht daran. Der mit der fleischigen Hand neben Ihrem Ohr wird unruhig. "Können Sie mah meine Frau . . .?" Wenn das so einfach wäre. Fünf mollige Finger legen sich auf das Seidenknie. "Lenelore! Wir müssen!"