Vor dem Aufbruch nach Stratford-upon-Avon gab mir ein englischer Freund den Rat, eine BBC-Kassette anzuhören; das sei "die richtige Einstimmung", sagte er mit einem leichten Augenzwinkern. So lauschte ich denn auf der Fahrt zum Zentrum des globalen Shakespeare-Kults der Lesung einer Kurzgeschichte von Martin Jarvis.

In "William and the Lost Tourist" landet eine amerikanische Touristin auf der Suche nach dem Heimatort des Barden in einem verschlafenen mittelenglischen Dorf; sie hält es für Stratford-upon-Avon. Ein verschmitzter Einheimischer ist nur allzu bereit, den Erwartungen der Reisenden zu entsprechen. Er bietet eine Führung an, in deren Verlauf sich ein reetgedecktes Häuschen in das Cottage von Anne Hathaway verwandelt, der Ehefrau des Dichters; ein stattliches Haus wird zu jener Residenz, die sich William Shakespeare in seinen späteren Jahren zulegte. Die Amerikanerin ist entzückt; sie kann nun frohgemut nach Hause zurückkehren und erzählen, sie habe ihren Fuß auf den Boden gesetzt, auf dem einst der größte Dichter aller Zeiten wandelte.

Die amüsante Parabel auf den modernen Tourismus im allgemeinen und den Rummel um William Shakespeare im besonderen ist sicher auch ein Beispiel für die Neigung der Briten, sich über ihre naiven amerikanischen Vettern lustig zu machen. Aber es klingt in dieser Geschichte noch etwas anderes an - nämlich die Unsicherheit über die Identität von William Shakespeare, die auch nach mehr als 400 Jahren nicht weichen will.

Hat der Sohn eines ungebildeten Landwirts und Handschuhhändlers wirklich jene Werke geschrieben, die den Namen Shakespeare weltberühmt werden ließen? Und verdient das Städtchen am Avon überhaupt den Rang, den es beansprucht und aus dem es so reichlich Kapital schlägt?

Zweifel bestehen nach wie vor. Mehr noch: Der Konflikt nimmt zur Zeit wieder an Schärfe zu, genährt durch neue Thesen und Publikationen.

Shakespeare wird sogar in den politischen Alltagsstreit hineingezogen.

Der frühere Schatzkanzler Nigel Lawson beansprucht den Dichter für die Konservativen; Shakespeare sei ein Tory gewesen, behauptet Lawson unter Verweis auf den römischen Patrizier Coriolanus, weil dessen Tugenden identisch seien mit denen der Torys. Aufs schärfste widerspricht Michael Bogdanov, Gründer und Regisseur der English Shakespeare Company, der Shakespeare für die Anarchisten reklamiert.