So, wie es Euch gefälltSeite 6/6

Michell hält Shakespeare für einen äußerst dubiosen Kandidaten, weist aber darauf hin, daß sich bei jedem der ernsthaften Anwärter auf Autorenschaft, ob nun Bacon, Marlowe, Earl of Oxford, Rutland, Derby oder Raleigh Schwachstellen und Ungereimtheiten finden. Weshalb John Michell zu der Auffassung neigt, daß der Mann aus Stratford von einer Autorengruppe, allen voran Bacon und Oxford, dazu genutzt wurde, eigene Ideen und künstlerische Ambitionen der Welt zu vermitteln. Die einzig ehrliche Antwort, die denen gegeben werden könne, die fragen, wer Shakespeare geschrieben habe, sei, daß "es sich hier um ein perfektes Rätsel handelt, gefährlich verführerisch, süchtig machend, aber sehr lohnend, erforscht zu werden".

Dietrich Schwanitz hat recht, wenn er von einer religiösen Energie spricht, die sich beim Streit um Shakespeares Identität entlädt.

In einem Religionskrieg klar Stellung zu beziehen ist gefährlich, zumal wenn man sich gegen die offizielle Doktrin wendet. Das erfuhr im 19. Jahrhundert die Amerikanerin Delia Bacon, als ihr der Verlag Chatman & Hall mitteilte, "wir wollen nicht teilhaben an einem Angriff auf die heiligsten Güter unserer Nation, ja, in der Tat aller Nationen". Aber die geballte Macht der Stratfordians, die die Institutionen dominieren, forderte unabhängige Geister eher heraus. Zu den Zweiflern zählten britische Premiers wie Lord Palmerston, Bismarck, Mark Twain, der Historiker Trevor Roper und Sigmund Freud, den seine Freunde warnten, es sei gefährlich, einen nationalen Heroen in Frage zu stellen.

In Stratford-upon-Avon ist man sich durchaus des schwankenden Grundes bewußt, auf dem operiert wird. "Uns ist es egal, was die Leute über die Autorenschaft glauben, solange sie nur hierherkommen", sagte entwaffnend freimütig eine resolute Dame, die Tickets für die Stadtrundfahrt verkauft. In der neuesten Ausgabe einer höchst populären, hübsch bebilderten Hochglanzbroschüre, die in fünf verschiedenen Sprachen erscheint, wird dennoch sehr viel behutsamer formuliert als früher: "Shakespeares Familie war im Raum Stratford tief verwurzelt. Aus diesem Grund ist es durchaus sinnvoll, daß die Stadt das Zentrum seines Kultes bildet ... Es ist wahrscheinlich, daß er in seinem Haus in dieser Stadt mehrere Stücke geschrieben hat."

Mit diesem defensiven, vorsichtigen Ton will sich die Stadt möglicherweise gegen den Vorwurf wappnen, den Besuchern von Stratford werde allzu schamlos ein Bär aufgebunden. Das Stück "Shakespeares Geburtsort" wird natürlich trotzdem weiter gespielt. As you like it.

 
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