Die Geschichte großer Männer durchs Schlüsselloch zu betrachten scheint passé. Doch die Faszination fürs Biographische ist ungebrochen, und im Schatten der "neuen Kulturgeschichte" möchte auch die Kammerdienerperspektive wieder aktuell werden. Deren Erfolg beruht bekanntlich auf Trivialisierung: "Auch der Kaiser war nur ein Mensch", soll der Leser denken, und schon versetzt er sich in dessen Lage oder in die seiner Höflinge.

Das Goldene Blatt-Prinzip. Für die gebildeten Stände muß man das natürlich etwas anheben. Neuerdings ist sogar eine Prise "Feldforschung" erwünscht, das gibt den reality-Effekt. Aber bitte keine Wissenschaft!

Auch anspruchsvolle Literatur liegt zu schwer im Magen: Locker-flockig soll es sein, eben ein coffee table book, wie es Verlage und Buchhändler lieben.

Julia Blackburn hat eins über Napoleon geliefert. Seine letzten Jahre und Tage auf Sankt Helena. Nicht um hohe Politik geht es hier und nicht um die Gruppendynamik eines Minikaiserreichs unter englischer Bewachung. Nicht um publizistische Außenwahrnehmung oder legendäre Verbrämung. Auch die meisten historischen Figuren bleiben blaß; eigentlich werden nur Napoleon und ein kleines englisches Mädchen, mit dem er in den ersten Monaten der Verbannung spielt, als konkrete Individuen wahrgenommen. Schnell zeigt sich, daß das eigentliche Thema des Buches gar nicht der Kaiser ist, sondern seine "letzte Insel". Genauer: diese Insel in ihrem besonderen Verhältnis zur Autorin. "Ich nähere mich Napoleon als Außenseiterin", schreibt sie kokett und fügt dann hinzu, daß sie vor kurzem noch gar nicht wußte, wo Sankt Helena überhaupt liegt. Was veranlaßte sie also, sich mit Bonaparte zu befassen? Der Anblick seiner in Alkohol konservierten Hoden in einem französischen Provinzmuseum.

Während wir damit viel über die Autorin, aber kaum Neues über Napoleon erfahren, erweist sich das Buch in seinen besten Passagen immerhin als ein netter historischer Reisebericht: Sankt Helena damals und heute, ein mythischer, ein trostloser Ort.

René Maury ist ebenfalls ein Amateurhistoriker. Aber er lernte schon in der Schule, wo Sankt Helena liegt. Während er als Hochschullehrer Wirtschaftswissenschaften unterrichtet, betreibt er nach Feierabend napoleonische Forschungen. An seiner Begeisterung für den Kaiser läßt er keinen Zweifel; schon die Widmung erklärt: "Dieses Buch wurde geschrieben, um den Kaiser Napoleon zu rächen, der mehr als irgendein anderer für den Ruhm der französischen Waffen getan hat." So viel Pathos und überhaupt die ständige Bemühung des Superlativs machen das Buch denn auch zu einer etwas mühsamen Lektüre (ganz zu schweigen von der grauenhaften Übersetzung).

Man sollte sich aber nicht abhalten lassen. Was der Autor zu berichten hat, ist nämlich gut recherchiert und äußerst spannend, obwohl es jeder überlieferten Meinung widerspricht. In allen Geschichtsbüchern steht ja zu lesen, Napoleon sei an Magenkrebs gestorben. Schon aus den Quellen geht jedoch hervor, daß diese Diagnose mehr oder weniger erzwungen wurde. Der englische Inselgouverneur wollte jeden Verdacht ausräumen, "General Bonaparte" sei erst durch seine Gefangenschaft oder die Witterungsverhältnisse auf Sankt Helena oder andere äußere Umstände zu Tode gekommen. Rule Britannia und wasche deine Hände in Unschuld! Dabei hatte schon der obduzierende Arzt erhebliche Zweifel angemeldet. Folglich hatten viele Napoleonverehrer die Engländer in Verdacht, ihren bei seiner Gefangennahme ja erst sechsundvierzigjährigen Todfeind aus dem Weg geräumt zu haben.