Geld gegen Ideen: Frankreichs erste Bank für Arme

In Frankreich probt eine Bank für Arme erfolgreich neue Wege aus der Arbeitslosigkeit

Das französische Sprichwort "Geld verleiht man nur an Reiche" wird von Banken täglich bestätigt - in Frankreich wie anderswo. Meist vergeblich bemühen sich diejenigen, die als Sicherheiten nur Unternehmergeist und Ideen bieten können - so wie Hector Herrera. Sein Glück, daß er 1990 auf den Verein für das Recht auf wirtschaftliche Eigeninitiative "Adie" stieß, Frankreichs erste Bank für Arme. "Wir gewähren Kredit nur Menschen, die bei Geschäftsbanken keine Chance haben. Unsere Resultate zeigen, daß sich solche Darlehen auch für die Allgemeinheit rechnen", sagt Maria Nowak, ehrenamtliche Adie-Präsidentin und im Hauptberuf Weltbank-Mitarbeiterin.

Herrera ist ein überzeugendes Beispiel für diese These. Mit einem 13 000-Franc-Darlehen der Adie importierte er 400 Schallplatten mit lateinamerikanischer Musik aus Kolumbien, seinem Heimatland. Im Rucksack schleppte er die Platten durch Paris und verkaufte sie im Dutzend an kleine Musikläden. Heute, nach knapp sechs Jahren, setzt Herrera mit seiner Firma El Dorado 2,5 Millionen Franc (735 000 Mark) um und beschäftigt fünf Mitarbeiter. Er importiert inzwischen fast 100 000 CDs jährlich und beliefert große Musikhäuser. Das Adie-Darlehen ist längst zurückgezahlt.

Anzeige

Eine Erfolgsgeschichte. Die meisten Kreditnehmer des Vereins betreiben in der Regel Einpersonenbetriebe - Sandwichstände, Frisörläden, kleine Schneidereien. Doch immerhin. Alle leben jetzt von Geld, das sie selbst verdienen. "Die herkömmliche Armutspolitik beschränkt sich immer mehr darauf, durch finanzielle Unterstützung das reine Überleben zu sichern. Wir wollen den Menschen dabei helfen, durch eigene Anstrengungen der Armut zu entkommen", erklärt Maria Nowak die Philosophie ihres ungewöhnlichen Projektes.

Rund fünf Millionen Franzosen leben unter der Armutsgrenze. In der Regel sind diese "exclus" Langzeitarbeitslose, die mit 2400 Franc (700 Mark) im Monat auskommen müssen. "Dabei könnten sich einige als Mini-Unternehmer gut ernähren, wenn sie nur ein wenig Startkapital hätten", weiß André Letowski von der staatlichen Agentur für Unternehmensgründung ANCE.

Doch in den Schalterhallen der Geschäftsbanken werden Arme nicht gern gesehen. Kein Einkommen, keine Garantien, kein Kredit. "Selbst wenn die Armen ihr Darlehen pünktlich zurückzahlen - Minikredite sind für Geschäftsbanken einfach unrentabel", sagt Gérard Leseul vom Dachverband der Crédit-Mutuel-Filialen, den Französischen Raiffeisenbanken. Ein Darlehen für Arme ist aus Bankensicht lächerlich klein. Bei Adie beläuft sich der Durchschnittskredit auf 22 000 Franc (6500 Mark). Dabei sind die Bearbeitungskosten eines Kleinkredits ähnlich hoch wie bei großen Darlehen, die Beratungskosten sogar noch höher, da arme Menschen meist keine Erfahrung in Betriebsführung haben. Verständlich, daß sich die Banken auf größere Summen und solvente Kunden konzentrieren.

Wie man Mittellose dennoch in eine Marktwirtschaft eingliedern kann, macht Mohammad Yunus aus Bangladesch seit Anfang der achtziger Jahre mit seiner Grameen-Bank - zu deutsch Dorf-Bank - vor. Das Credo des Wirtschaftsprofessors: Kredite sind ein Menschenrecht. Die Grameen-Bank vergab bislang über zwei Millionen Kleinstkredite zur Existenzgründung an die besitzlose Landbevölkerung. Bei Geschäftsbanken hätten diese Menschen nie ein Darlehen bekommen.

Service