Der Quantensprung: die zweifelhafte Karriere eines Fachausdrucks

Die sprachlichen Dummheiten sterben nicht aus

Sprachlich haben die Deutschen eine ausgeprägte Vorliebe für die Atomphysik. Wo man hinhört, ist neuerdings vom "Quantensprung" die Rede. Besonders die Politiker schmücken sich mit dem gelehrt klingenden Fachausdruck. Da spricht unser Außenminister von "Quantensprüngen in der türkischen Politik". Bundeswirtschaftsminister Rexrodt diagnostiziert dagegen einen "Quantensprung in der Telekommunikation". Auch anderswo wird quantengesprungen. Ein Musikkritiker preist die neue CD eines Tenorsaxophonisten als "Quantensprung eines Musikers", und der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg vermeldet den "Quantensprung im Cockpit" in einem Bericht über den Airbus A 321.

Auf seinem Weg von der Wissenschafts- in die Umgangssprache hat der Quantensprung einen erstaunlichen Bedeutungswandel durchlaufen. In der Sprache der Evolutionsbiologie würde man sagen: Hier ist eine Mutation entstanden, die sich stark ausgebreitet hat und offenbar bislang noch keinerlei Selektionsdruck unterliegt.

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In seiner ursprünglichen Bedeutung ist der Quantensprung ein Übergang zwischen zwei Werten einer physikalischen Größe im atomaren Bereich. Da dort alle Größen diskrete Werte annehmen, sind solche Veränderungen immer sprunghaft und in den meisten Fällen nicht mit einer qualitativen Veränderung des Systems verbunden. Typisch für den Quantensprung ist, daß er winzig ist und in sehr kurzer Zeit abläuft.

Die zweckentfremdete Anwendung des Begriffs hat allerdings seine ursprüngliche Bedeutung vollständig auf den Kopf gestellt. Nun wird er benutzt, um statt kleiner atomarer Schritte große qualitative Sprünge zu beschreiben. Nur durch diesen inhaltlichen Wandel konnte sich der Quantensprung selbst bis ins Feuilleton und auf die Wirtschaftsseite vorarbeiten.

Wenn zum Beispiel im Zusammenhang mit der drastischen Zunahme der Artenvielfalt im Kambrium ein "entwicklungsbiologischer Quantensprung" beschrieben wird, stehen jedem Physiker die Haare zu Berge. Denn immerhin zieht sich dieser Quantensprung über einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren hin.

Was steckt hinter diesem Bedeutungswandel? Daß jemand beim sinnbildlichen Gebrauch eines Fachausdrucks einmal fulminant danebenhaut, ist nicht der Rede wert. Doch die Tatsache, daß dieser Ausrutscher immer wieder reproduziert wird, läßt tiefer blicken. Hier tritt eine Vorliebe für bedeutungsschwere Worthülsen zutage, wie wir sie von der Werbung ständig zu hören bekommen. Offenbar erregt im Zeitalter der Superlative ein gewöhnlicher Sprung keine Aufmerksamkeit mehr. Da muß dann schon der Quantensprung als eine Art "Supersprung" herhalten.

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