Laßt uns von Amerika lernen: Über den Stand deutscher Technik und Forschung
Warum steckt unser Bildungssystem in einer Sackgasse, in der nur noch Verwaltungsgerichte die Richtung weisen? Wer die Hochschulen zukunftsfähig machen will, muß neben Chancengleichheit und Freiheit der Wissenschaft endlich auch Wettbewerb zulassen
Von Natur aus bin ich Optimist. Aber wenn ich an die Zukunft unserer Hochschulen denke, müßte ich eigentlich zum Pessimisten werden. Seit dreißig Jahren wird darüber geredet und gegrübelt - und was wurde erreicht? Warum ist unser Bildungssystem in eine hoffnungslos erscheinende Sackgasse geraten - eine Sackgasse, in der nur noch die Verwaltungsgerichte die Richtung angeben und nicht mehr die Politik?
Eingedenk des klugen Talleyrand-Wortes: "Man muß Zukunft im Sinn haben und Vergangenheit in den Akten" ist ein Blick zurück in jene Zeit vor dreißig Jahren nützlich, als der Versuch einer Bildungsreform gestartet wurde. An diesem Versuch war ich mitbeteiligt - damals ein vierzigjähriger Astrophysiker, dem die Organisation der gerade beginnenden Weltraumforschung in Deutschland und Europa auf den Nägeln brannte.
Schon bald nach Beendigung meines Studiums hatte ich das Glück, für mehrere Jahre an amerikanischen Universitäten forschen und lehren zu können. Ich erhielt einen Einblick in das Innenleben und Funktionieren der Universitäten in Chicago, Princeton und New York sowie der Technischen Hochschulen MIT und Caltech. Seitdem hielt ich es für notwendig, unsere Universitäten davon zu überzeugen, wichtige Elemente des amerikanischen Systems aufzunehmen und zu integrieren. Hierfür wollte ich mich auch im Wissenschaftsrat einsetzen.
Als ich 1965 in den Wissenschaftsrat berufen wurde, hatte dieser mit seinen ersten, zu Beginn der sechziger Jahre veröffentlichten Empfehlungen die Restauration des alten deutschen Hochschulsystems abgeschlossen. Mitte der sechziger Jahre wurde dem Wissenschaftsrat klar - schon vor Beginn der Studentenunruhen -, daß der Ausbau unseres Hochschulsystems nicht mehr von der Entwicklung des gesamten Bildungsbereiches zu trennen war. Daß die als notwendig erkannten Entwicklungen schon damals sehr viel langsamer und auch zögernder in Angriff genommen wurden als geboten, ist nicht nur der föderativen Struktur unseres Bildungswesens anzulasten, sondern hatte seine Ursache vor allem in mangelnden Bewußtseinsänderungen an den Hochschulen selbst.
Wir waren uns im Wissenschaftsrat einig, daß ein sehr viel größerer Anteil eines Geburtsjahrganges eine Ausbildung an der Hochschule haben müsse als bisher. Vergleiche mit dem Ausland, vor allem mit den Vereinigten Staaten, zeigten das deutlich: 1950 begannen nur 6,2 Prozent eines Geburtsjahrganges ein Hochschulstudium, 1960 waren es 7,7 Prozent und 1966 immerhin schon 13 Prozent, während die Weichen in den höheren Schulen schon längst anders gestellt waren. Im Jahre 1966 besuchten 67 Prozent eines Geburtsjahrganges eine höhere Schule mit der Aussicht auf das Abitur.
Und wie sah es in den Vereinigten Staaten aus? 1950 gab es dort 23,3 Prozent Studienanfänger eines Geburtsjahrganges, 1960 waren es 40,4 und 1966 schon 42,5 Prozent. In Frankreich betrug diese Zahl im Jahre 1966 auch schon 29,9 Prozent. Die Bundesrepublik hatte also eine Menge aufzuholen. Aus dieser Einsicht heraus wurde geplant, das deutsche Hochschulsystem so auszubauen, daß es für etwa 25 Prozent eines Geburtsjahrganges aufnahmefähig würde. Dieser Prozentsatz von Studienanfängern wird heute praktisch auch in allen Bundesländern erreicht oder übertroffen.
- Datum 03.05.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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