Als sie achtzehn wurde, hat Elisabeth Schories aufgehört zu beten.

Ihr christliches Elternhaus hing ihr zum Hals heraus, und sie sprach zu sich: "Ich werde Atheist", dann trat sie in die SED ein und wurde Lehrerin. Die Pädagogik aber, die sie im Auftrag ihrer Partei an der Polytechnischen Oberschule Potsdam-Babelsberg zu exekutieren hatte, setzte auf Angst und Druck. Mit den linientreuen Kollegen kam sie bald über Kreuz. Und auch im Umgang mit der Partei merkte sie, daß "ich mich von mir selbst entfernte".

Nach achtzehn Jahren kehrte die Genossin Schories um. Sie tat etwas, was bei einer sozialistischen Lehrerpersönlichkeit nicht auf dem Lebensplan stand: Sie gab das Parteibuch zurück. Der Entlassung aus dem Schuldienst kam sie zuvor, indem sie ihn selbst quittierte. Das war 1986. Elisabeth Schories ging dorthin zurück, wovor sie davongelaufen war, zur Kirche. Fünf Jahre arbeitete sie in der evangelischen Frauenhilfe und als Katechetin.

Seit 1991 ist sie wieder Lehrerin in ihrer alten Schule, die jetzt eine Gesamtschule ist, inmitten des vertrauten Kollegiums, das nun demokratisch gewendet freundlich grüßt. Und sie lehrt ein ganz neues Fach, das Brandenburger Schülern helfen soll, sich in der verwirrenden Welt der Nachwendezeit zurechtzufinden: Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde, LER. In der großen alten Lehranstalt aus der Gründerzeit mit ihren düsteren Mauern und den hohen Aufgängen gibt es zu diesem Zwecke ein kleines Zimmer. An der Tür hängen drei lustig verbeulte Buchstaben: ein rotes L, ein blaues E, ein gelbes R. Drin stehen Stühle im Kreise. Drauf sitzen pubertierende Menschen, voll darauf konzentriert, cool zu sein. Die 8d soll mit der Frage ringen: Wann bin ich frei? Es geht um das Gefühl von Freiheit, um Lebensfreude und Pflichten, um Grenzen der Freiheit, um Freiheit der Reise und die der Gedanken.

In der nächsten Stunde sind es Neuntkläßler, die hier sitzen.

Sie fragen sich: Was muß ich tun, um glücklich zu sein? Erfolg haben? Eine Liebe finden? Und dabei kommt heraus, daß der Knabe mit den Locken deprimiert ist, weil er keine Lehrstelle bekommt, und das blasse Mädchen vor Liebeskummer ganz krank ist. Am Ende jeder Stunde bleiben ein paar Schüler zurück, die mit der Lehrerin noch etwas Persönliches zu bereden haben. "Es werden Fragen gestellt", sagt Elisabeth Schories, "und nicht immer sind Antworten da.

Ich kann den Schülern nicht sagen: So ist es richtig. Ich kann ihnen Möglichkeiten zeigen, aber letzte Wahrheiten sind nicht meine Sache."