Das westliche Bündnis hat sich seit Anfang 1994 mit zunehmender Eindeutigkeit auf die Öffnung der Nato nach Osten festgelegt.

Bis zum Frühjahr 1997 sollen die Kandidaten für die erste Aufnahmerunde feststehen. Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik werden dabei die besten Chancen eingeräumt. In Rußland jedoch ist der Widerstand gegen die Osterweiterung ständig gewachsen. Die Aufnahme osteuropäischer Staaten in das westliche Bündnis, so die vorherrschende Meinung, sei eine Gefahr für die Sicherheit des Landes. Sollte die Nato sich "bis an die Grenze Rußlands" vorschieben, müsse die Regierung notfalls militärische Gegenmaßnahmen treffen.

Andrei Sagorski teilt diese Meinung nicht. Der junge Prorektor der führenden russischen Ausbildungsstätte für Außenpolitik ist ein auch in Deutschland wegen seines unabhängigen Urteils geschätzter Fachmann. Europäische Stabilität, ist er überzeugt, entsteht nicht durch eine neue, den ganzen Kontinent überspannende Sicherheitsarchitektur, sondern "durch die schrittweise Ausdehnung westlicher Institutionen, vor allem der EU und der Nato".

Derartige Argumente haben in Moskau zur Zeit noch kaum Gewicht.

Die Nato wird sich deshalb, wenn sie bei ihrem Vorhaben bleibt, auf eine geharnischte Reaktion einstellen müssen, wie immer die russischen Präsidentschaftswahlen in diesem Sommer ausgehen. Schwerer wiegt noch ein anderes Dilemma: Wie kann das Bündnis sicherstellen, daß die Aufnahme von zunächst nur einigen wenigen Ländern nicht so gedeutet wird, als würden damit die übrigen osteuropäischen Beitrittskandidaten der russischen Einflußzone überlassen? Insbesondere die unmittelbaren Nachbarn Rußlands - die Ukraine und die drei baltischen Staaten - werden von dieser Sorge umgetrieben.

Das entscheidende Problem der Osterweiterung liegt daher weniger in der Aufnahme der drei aussichtsreichsten Kandidaten, die sämtlich nicht an Rußland grenzen. Es liegt vielmehr darin, deutlich zu machen, daß die erste Aufnahmewelle nicht die letzte ist - und beide die Sicherheitsinteressen Rußlands nicht beeinträchtigen.

Eine Lösung hat die Nato dafür noch nicht gefunden.