Faruk çen: "Werden nun die Deutschen zum Ziel?", ZEIT Nr. 16

Solange man sich nicht von der offiziellen türkischen Historiographie die Sicht vernebeln läßt, ist ein Blick zurück auf das Osmanische Reich für ein Verständnis der heutigen Türkei tatsächlich aufschlußreich.

Wie bei offiziellen und halboffiziellen türkischen Verlautbarungen seit 81 Jahren leider üblich, verschweigt der Autor, daß die Toleranz und Multikulturalität des Osmanischen Reiches mit der systematischen Ausrottung der Armenier Anatoliens ein schauriges Ende mit über einer Million Opfern fand. Die ultranationalistischen Jungtürken betrachteten die Vernichtung der armenischen Minderheit als notwendige Voraussetzung zur Bildung eines muslimisch-türkischen Nationalstaats.

Dr. Markus S. Stepanians, Hamburg

Es ist zwar wahr, daß das Osmanische Reich über weite Strecken seiner 623jährigen Geschichte eine multikulturelle Gesellschaft war. Aber wie çen zu behaupten, die türkische Republik habe diese Multikulturalität übernommen, ist eine glatte Geschichtsfälschung.

Hat der Autor vergessen, daß die Geburt dieser Republik schon einige Jahre vor ihrer Gründung mit dem systematischen Holocaust an circa drei Millionen Armeniern und unzähligen Pogromen gegen die im Land lebenden Griechen erkauft wurde? Hat er sich noch nie gefragt, warum heute im Gegensatz zu 1919 kaum noch Griechen auf dem Gebiet der Türkei leben? Nein, die Multikulturalität des Osmanischen Reiches endete (leider!) mit diesem! Der Wahrheit näher kommt der Autor, wenn er schreibt, der Staatsgründer Atatürk habe von Anfang an versucht, die in der Türkei lebenden islamischen Minderheiten an die türkische Identität zu "assimilieren". Noch treffender könnte man von "gleichmachen" reden - da verbietet sich die Rede von Multikulturalität.

Michael Rosenberger, Würzburg