Mögen Sie Fliege? Sie wissen schon, den Expastor, der einen Tag über "Liebe, Schnaps und Schweinebraten" plaudert und am nächsten über die Probleme der Urintherapie? Den guten Hirten im Ersten, den Seelendoktor der Nation?

Also, wir finden den Mann gar nicht so übel. Er ist nicht so altherrenhaft jovial wie Hans Meiser und nicht so pseudointellektuell wie Ilona Christen. Und er flippt nicht gleich aus, wenn einer mal wirklich von seinen Gefühlen übermannt wird. Es stimmt ja, bei Fliege ist eine Zeitlang ziemlich viel geheult worden. Aber was ist dagegen eigentlich zu sagen? Schlimm ist es doch nur, Gäste zu dieser Rührseligkeit einzuladen und dann gleich hektisch herumzurennen wie bei einem Zimmerbrand, sobald einer wirklich Emotionen zeigt.

Nun hat Fliege zwar nicht gerade ein überragendes Weisheitsniveau, doch auszureden versucht er den Leuten ihren Kummer nicht. Ein paar Grundkenntnisse in Sachen Gesprächsführung scheint er immerhin zu besitzen. Jedenfalls vermeidet er die ärgsten Schnitzer, während seine Kollegen dazu neigen, entweder alles gar nicht so schlimm zu finden, oder in Krisenfällen sofort zum Rotkreuzhelfer werden.

Was bei Fliege nervt, ist ja etwas anderes: Er verwechselt seine Talk-Show mit einem Gottesdienst. Deshalb auch das sozialtherapeutisch-fürsorgliche "Passen Sie gut auf sich auf!" am Ende jeder Sendung (früher hieß das mal "Gehet hin in Frieden!"). Und deshalb auch dieses herzjesuhafte, schier grenzenlose Verständnis für jeden und jede. Bei Fliege sind alle nur Opfer, Bemitleidenswerte, Herumgestoßene. Egal, ob einer nur Zoff mit dem Vermieter hat oder seinen Nebenbuhler umbrachte - alle finden sie sein Ohr.

Als es kürzlich um das Thema "Grundlos in der Psychiatrie" ging (bei Fliege hieß es natürlich "Irrenhaus"), da saßen nur Fehleingewiesene auf der Bühne und schilderten ihren Leidensweg. Weit und breit kein Psychiater, kein Fachmann, kein Angehöriger, dem gegenüber sie vielleicht von Selbstmordabsichten gesprochen hatten. Nein, nur der Fernsehtherapeut Jürgen Fliege, der mit ihnen litt und weinte und sie allesamt in seinen gottväterlichen Arm nahm. Bist du im Fernsehen, bist du gerettet. Und hat dich Fliege eingeladen, dann hat die Psychiatrie eben wieder mal Scheiß gebaut. (Das hört die zu Hause bügelnde Hausfrau, die in letzter Zeit von so komischen Hitzewallungen befallen wird, nicht ungern.)

Der Talkmaster als Advocatus Diaboli, als der Hohepriester des gesunden Volksempfindens. Fliege spricht das "Te absolvo" zwar nicht aus, aber er wiegt seine Gäste (und Zuschauer) in diesem Gefühl. Er hält Gericht über Abwesende, so wie beim Gottesdienst traditioneller Prägung das Böse immer draußen vor der Kirchentür blieb. Für die Quote ist diese Art von Schuldprojektion natürlich ideal; und tatsächlich hat die Sendung gegenüber der Quasselphalanx von RTL ja einiges an Boden gutgemacht.

Nicht, daß hier Intimstes öffentlich abgehandelt wird, ist fragwürdig (da stimmen wir mit den chronisch Entrüsteten keineswegs überein), sondern die Form, wie es geschieht. Daß immer nur die anderen schuld sind und diese dummerweise nie da, wenn ihnen der Prozeß gemacht wird - das ist nun wirklich die Verlagerung des Stammtischs ins Fernsehen.