Kein Wunder, daß der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder einen Konsens über die künftige Energiepolitik herbeisehnt.

Schließlich findet der gewalttätige Konflikt um die Castor-Behälter, verbunden mit einem Massenaufgebot von Ordnungshütern, in seinem Lande statt. Die Kernenergiegegner wollen nicht zulassen, daß abgebrannte Brennelemente aus süddeutschen Atommeilern in das Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Und wenn die Polizei dem Transport den Weg bahnt und die Atomgegner mit nicht immer zimperlichen Mitteln vertreibt, fehlen dem ohnehin armen Land jedesmal rund 30 Millionen Mark in der Kasse.

Aber das allein ist es natürlich nicht, was Schröder umtreibt.

Er glaubt schon lange, daß seine Sozialdemokraten nur dann Wahlen gewinnen können, wenn die Bevölkerung an ihre Kompetenz in der Wirtschaftspolitik glaubt. Und da wäre ein von Schröder angestoßener Kompromiß im Umgang mit der Kernenergie natürlich ein wichtiger Schritt.

Ob der Niedersachse diesmal erfolgreich sein wird, weiß niemand zu sagen. Schließlich hat er nicht mehr zu bieten als in der Vergangenheit.

Und das war den Atomgegnern in der eigenen Partei, aber wohl auch der Bonner Koalition und der Atomwirtschaft bisher zu wenig. Sie wollten Schröder nicht folgen, als er den allmählichen Ausstieg aus der Kernkraft forderte. Mehr oder weniger großzügige Restlaufzeiten für die bestehenden Kraftwerke waren ihnen nicht genug - sie forderten gleichzeitig eine Option für die Zukunft. Es dürfe - so ihr Petitum - nicht zum "Fadenriß" kommen, Deutschland müsse sich seine Fähigkeit erhalten, Kernkraftwerke zu bauen.

Im Augenblick gibt es für die Kernkraftwerke der Bundesrepublik jedoch überhaupt keinen Bedarf. Die Stromwirtschaft versucht zwar Jahr für Jahr mit abenteuerlichen Rechnungen nachzuweisen, daß wir am Tage des höchsten Verbrauchs - irgendwann im Winter also - wieder einmal mit Mühe und Not über die Runden gekommen sind. Sie kann aber nicht ernsthaft abstreiten, daß es in Deutschland eher zuviel als zuwenig Kraftwerke gibt.