Als dem Bundeskanzler im Herbst 1995 bei seinem China-Besuch ein Uniformierter etwas vom segensreichen Wirken der Volksbefreiungsarmee faselt, erinnert Kohl sich an den Krieg dieser Volksarmee gegen das eigene wehrlose Volk am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dreht sich auf dem Absatz um und verläßt das gastliche Land des Lächelns.

Oh, oh - da haben wir ein paar Sachen durcheinandergebracht, sind unversehens in ein chinesisches Zaubermärchen geraten.

Natürlich war es so: Als dem chinesischen Ministerpräsidenten Li Peng im Juli 1994 bei seinem Besuch des Goethe-Hauses in Weimar der Präsident der Stiftung Weimarer Klassik etwas von aufklärerischem Denken, klassischem Dichten erzählen will und die Worte "Würde der Freiheit, Unverletzlichkeit der Person" nicht vermeiden kann, wendet sich der Gast aus dem Reich der Mitte mit Grausen und bricht den Besuch in Thüringen, später Berlin, vorzeitig ab.

Und Kohl? Mit Kohl war es so. Bei seinem China-Aufenthalt antichambriert er, um der Volksbefreiungsarmee seine Aufwartung machen zu können - in einer Kaserne. Liebedienerisch pilgert der deutsche Kanzler in eine Unterkunft der Soldaten, die auf Befehl von Li Peng das Massaker in Peking und anderen Städten angerichtet haben: mit Panzern über friedlich in Zelten schlafende Menschen, die für Menschen- und Bürgerrechte auch in China demonstrieren.

Den "moralischen Tiefpunkt deutscher China-Politik" sieht der Verein der Tibeter in Deutschland in jenem 14. November 1995, als Kohl seinen "Kotau vor der Hauptstütze und dem Vollstrecker eines mörderischen Regimes" macht und die 196. Infanteriedivision in ihren Unterkünften besucht. Denn die sogenannte Volksarmee hat seit der Invasion 1949 auch mehr als 1,2 Millionen Kinder, Frauen, Männer bei der "Befreiung" Tibets ermordet ...

Kohl und sein Außenminister Kinkel, die nicht müde werden, die SPD anzuschwärzen, weil die - Wandel durch Annäherung - bereit war, mit den Machthabern der SED zu reden, um die Lebensbedingungen der eigenen Landsleute im Osten zu erleichtern: Kohl und sein Kinkel haben keine Scheu, mit den Mörder-Mullahs im Iran, mit den Panzer-Apparatschiks in Peking Kumpanei zu pflegen, alles in der Hoffnung auf gedeihliches Miteinander - und gute Geschäfte.

Ach, hätten deutsche Politiker, ehe sie an den Gelben Fluß jetten, doch in chinesischen Büchern geblättert, etwa in dem Werk "Das Maßvolle treffen" des Konfuzius-Enkels Kung Chi (492 bis 431 vor Christi Geburt). Der Philosoph gibt zu bedenken: "Erwarte niemals Dankbarkeit. Dann spürst du den Tritt, den du bekommst, weniger."