Das leise Surren der Stahlseile verstummt, die Gondel vibriert und pendelt aus, plötzlich ist es still um uns herum. Da hängen wir, ein bunter Punkt mitten in einem Meer von Grün, und es dauert einige Augenblicke, bis wir die Vogelstimmen wahrnehmen, das Wasserplätschern zwanzig Meter unter unseren Füßen und das Rascheln der Urwaldwipfel, die zum Greifen nah scheinen.

Mario, unser Führer, beugt sich aus der Gondel und zeigt auf handgroße, rot gezackte Blüten - eine prächtige Helikonie. Höflich nicken wir zu seinen Erläuterungen und lauschen doch weiter auf das Summen, Zirpen und Tröpfeln des immergrünen Regenwaldes, auf die tausendfachen Signale des dichten, flirrenden Lebens.

Mit der Seilbahn durch den Urwald von Costa Rica - die Idee war uns zunächst suspekt. Und der missionarische Eifer des Mannes hinter dem Projekt hatte unsere Skepsis noch vertieft. Vom Regenwald als einer "Kathedrale" hatte Donald Perry uns in seinem Büro in der Hauptstadt San José vorgeschwärmt: "Der Wald ist Gottes größter Ausdruck der Komplexität irdischen Lebens, und ich will, daß die Leute den Respekt vor diesem Werk zurückgewinnen." Doch während unsere Gondel jetzt mit einem sanften Ruck ihre nahezu lautlose Gleitfahrt wiederaufnimmt, beginnen wir die Begeisterung des drahtigen Amerikaners zu verstehen.

Die Regenwaldseilbahn ist nur die ausgefallenste Variante einer "Ökotourimus"-Welle, die derzeit über das mittelamerikanische Land schwappt. Unter dem Etikett Ecoturismo sammelt sich alles, was man dem typischen Costa-Rica-Urlauber - allein oder zu zweit reisend, individualistisch, ökologisch interessiert - verkaufen kann: von der Begegnung mit Naturschützern über Wildwasserfahrten bis zum Mietauto. Der Tourist freilich hat alle Mühe, zwischen echtem Umweltengagement und Geschäftemacherei zu unterscheiden.

Seit 1991 boomte der Tourismus in Costa Rica. Er wurde zum wichtigsten Erwerbszweig des einstigen Kaffee- und Bananenexportlandes. Die stetig wachsende Zahl der Besucher aus aller Welt bestätigt den Ticos, wie die Costaricaner sich selbst nennen, den hohen Marktwert, den die Naturschönheiten ihres Landes haben. Die Zahl der Reisenden aus Deutschland ist sprunghaft gestiegen. 1990 kamen 13 300 Bundesbürger nach Costa Rica, im vergangenen Jahr waren es schon 71 400 (von insgesamt 840 000 Touristen). Guatemala und Mexiko machen sich bereits daran, den Ecoturismo als Marketingkonzept zu kopieren.

Ein Unsicherheitsfaktor ist allerdings die zunehmende Kriminalität in der einstigen "Schweiz Mittelamerikas". Die Entführung der deutschen Urlauberin Nicola Fleuchhaus und der Schweizer Reiseleiterin Susanna Siegfried, die nach 71 Tagen Mitte März freigelassen wurden, könnte Touristen von einem künftigen Besuch abhalten. Bislang ist das nach Angaben des Deutschen Reisebüro-Verbandes und des Veranstalters NUR-Touristic noch nicht der Fall. In Costa Rica hofft man, daß der befürchtete Einbruch bei den Buchungen für die Wintersaison 1996/97 ausbleibt und das Interesse am Ökotourismus anhält.

Donald Perry aber möchte mit diesem Trend nicht in Verbindung gebracht werden. Allenfalls das Etikett "Regenwaldschutztourismus" will er für seine Seilbahn gelten lassen. Auch unabhängige Vertreter der costaricanischen Umweltbewegung bescheinigen ihm die edelsten Motive. Denn die Idee, Touristen in die Wipfelzone des Waldes zu hieven, erwuchs aus mehr als zwanzig Jahren Forschertätigkeit.