Die deutsche Universität versinkt lautlos im Sumpf. Alle sehen zu, entsetzt und gelähmt: der Staat, der hierzulande weniger in die Bildung als Zukunftsressource investiert als andere reiche Nationen; die Bundesrepublik stellt dafür nur 4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bereit - der Durchschnitt in der Europäischen Union liegt bei 5,5 Prozent. Die Gesellschaft, bedrückt von den Sorgen ums Hier und Heute, verschwendet kaum einen Gedanken an die Zukunft, es sei denn, es geht um die Renten. Und schließlich die Hochschulen selber, die alle Überlebensreflexe verloren haben und denen zur Revolte die Kraft, zur Reform das Rückgrat zu fehlen scheinen.

Was sind schon 35 000 Studenten und Professoren auf Berlins Straßen, gemessen am politisch geplanten Elend der dortigen Verhältnisse?

Die Schuld sucht in diesem unwürdigen Schauspiel der eine beim anderen, und jeder hat ein bißchen recht. Richtig, die Politik öffnete die Universitäten, und die Massen kamen. Bald hielten die Mittel mit der Nachfrage nicht mehr Schritt, und das nicht erst, seit in den öffentlichen Kassen das Geld knapp wird. Heute drängen sich 1,9 Millionen Studenten auf 950 000 Studienplätzen.

Der deutsche Normalstudent braucht bis zum Examen weit über sechs Jahre. Überlastet, unterfinanziert, unbeweglich: Den Hochschulen bleibt die Wahl zwischen Verhungern und Verdursten. Die Länder, in der Kultusministerkonferenz zusammengeschweißt zur unheiligen Allianz der Bewegungslosigkeit, wollen und können in absehbarer Zeit daran nichts ändern. Und der Bonner Bildungsminister Jürgen Rüttgers, der Zukunft abgewandt, bewies mit seinem unsozialen Bafög-Modell nur, daß er sich lieber mit den Studenten als mit dem Finanzminister anlegt.

Schuld an der Misere trägt eine Gesellschaft, die stumm der Versumpfung ihrer Universitäten beiwohnt. Ungerührt läßt man sich die wohlfeilen Standortpauken des Kanzlers wie die edel-einfältigen Sozialenzykliken der SPD gefallen. Es ist alles gesagt, und nichts wird vollbracht.

Statt dessen verspielt in diesen Tagen in Berlin eine sparwütige Landesregierung die Zukunft von drei Universitäten. Von dort ging einst die Humboldtsche Reform aus, in elender Zeit, da Preußen vernichtet am Boden lag, die Aufklärung verknöcherte - und eine moralische Erneuerung durch Bildung dennoch versucht wurde. Statt dessen verordnet dieser Tage das Land Niedersachsen kurzerhand Studiengebühren - nicht etwa, um die Hochschulen, sondern bloß, um den Staatshaushalt zu sanieren. So herrscht das Kartell der Kurzsichtigen.

Schuld am Elend der Universitäten sind aber auch diese selbst.