Ein Abenteuer ist aus der alten Tante Oper geworden, eine Entdeckungsreise in niemands Land: "Jeder und alles ist Marco Polo", sagt der Komponist Tan Dun, "du und ich und es." Klingelzeichen, Gong, Ouvertüre und Vorhang auf! Das Musiktheater fängt an!

Der Begriff Musiktheater ist heutzutage zu einer Art Synonym verkommen für alle Operninszenierungen, alte und neue, die auf der Höhe der Zeit, politisch korrekt und zugleich irgendwie akut gesellschaftskritisch sind. Aber diesmal ist alles anders. Zunächst einmal fehlt der Vorhang. Jeder, der reinkommt, überblickt auf Anhieb eine schön ondulierte Wüstenlandschaft, endlose Weite, die die Welt bedeuten soll. Die Bühne in der Münchner Muffathalle ist breit, weiß und tief gestaffelt, der Boden in milde gewölbte Wogen verwandelt.

Dann tönt, statt des alarmierenden Gongschlags (oder statt der Ouvertüre), ein zartes Quaken. Ein "watergong glissando" kündet vom Beginn der Handlung. Eine Münze klirrt über Harfensaiten, hohl blechtrommelt das präparierte Klavier, ein verzwitschertes Violinensolo, mit Dämpfer gespielt, schwillt an und verklingt.

Eigentlich sollte die begabte junge Konzertmeisterin Muriel Cantoreggi, die das Münchner Kammerorchester anführt, bei dieser Anfangssequenz der neuen Oper eine archaische Röhrengeige spielen. Der Komponist Tan Dun, geboren 1957 in Hunan (China), seit 1986 wohnhaft in New York, der vor ihr am Dirigentenpult steht und die Uraufführung persönlich leitet, hat dazu notiert: "in Peking opera style".

Aber er meint ja bloß im Stile von. Nur so tun, als ob. In dieser seiner zweiten Oper, die keine Handlung mehr hat, wurde das Wilde domestiziert. Der unreine, exotische Ethno-Klang ist nach allen Regeln der Kunst veredelt worden, die struppige Natur von der Zivilisation glatt und glänzend gekämmt.

An diesem Punkt ärgern sich erstmals die Puristen: Ist das noch korrekt komponiertes Multi-Kulti? Darf der das denn? Aber diese kurze, sparsam konstruierte und fremdartig montierte Klangkombination funktioniert. Sie sorgt, wie eine plakative Theatergeste (Finger auf den Mund! Gong!) augenblicklich für Spannung und Aufmerksamkeit.

Und sie kehrt später, wie der weiße Elephant, dann und wann wieder.